Kein Gebet

Wolkentürme

Ich blute Tränen und weine Blut. Meine Wunden werden mit Salz übergossen, ehe sie zu Asche zerfallen. Dein Mund formt sich zu einem „Oh“, das ich heute noch hören kann, obwohl ich es nie sah. Ich hörte davon. Ich schäle meine Haut von den Lippen. Küsse Brandmale und Statuen, die genauso zu Staub werden, wie jeder Wimpernschlag, der jemals zwischen uns stand. Stattfand. Anstatt zu weinen, beten wir. Anstatt zu beten, leben wir. Ich erinnere mich an Träume, in denen ich verblutete, weil ich so viel weinte. Es waren nie Albträume, denn aus Blut entsteht Leben und Leben bist du.

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Wo ist denn nun der Frühling?

Winterdach

Dreh die Musik lauter, ich möchte nicht mehr hören, wie der Schnee auf die Straßen fällt.
Mach das Licht aus, ich möchte nicht mehr sehen, wie die Vögel in den Norden ziehen.
Klebe meinen Mund zu, ich möchte nicht mehr schmecken, wie Tränen über meine Wangen rinnen.
Halte die Luft an, ich möchte nicht mehr riechen, wie der Rauch in die Wolken zieht.
Hülle mich in Wachs, ich möchte nicht mehr spüren, wie mich die Sehnsucht langsam tötet.

1. Date

fear.

Was ich antworte, wenn du mir sagst, dass du mich gerne wiedersehen möchtest:

„Du musst wissen, mit mir (oder genauer gesagt: mit meinem Kopf) stimmt etwas nicht. Es gibt vernünftige Tage, an denen kann ich fröhlich sein. Oder wütend oder traurig. In normalen Ausmaßen. Wie heute. Ich kann lächeln und lachen und nachdenklich sein.
Und dann gibt es Tage, an denen ich nicht aufstehen kann. Die Sinnlosigkeit meines Lebens fesselt mich in mein Bett, ich bin wach und will nur schlafen.
Es gibt Tage, die ich weinend verbringe. An denen ich nicht nur nah am Wasser gebaut bin, sondern mitten im Wasser stehe. An denen eine normale Frage, was ich trinken möchte, eine Sinnkrise (und noch mehr Tränen) hervorruft, weil ich doch nicht weiß, was ich überhaupt jemals möchte. Außer für immer zu schlafen. Und ausgerechnet dann hält mich mein Kopf die ganze Nacht wach.
Es gibt Tage, da presst sich das Gewicht der ganzen Welt auf meine Brust bis ich das Gefühl habe zu ersticken. Doch ich tue es nicht. Stattdessen wird jeder Atemzug zur Qual und niemand kann mir helfen.
Du wirst versuchen wollen mir zu helfen, doch du kannst es nicht. Und mit jedem Satz, den du sagst, werde ich mich noch unverstandener und noch hilfloser fühlen.
Und sag jetzt nicht, das ist dir egal. Weil es dir nicht egal sein wird. Falls ich dir irgendetwas bedeute. Du wirst mit mir leiden und ich werde mich deswegen noch schrecklicher fühlen. Und das alles kann und wird unser Ruin sein.

Das also sollte dir klar sein, wen du sagst, dass du mich wiedersehen möchtest.“

Pfützen

Fading Light

Gestern regnete es dreimal.
Schlafen war unmöglich.
Der Wind rüttelte an den Fenstern
wie die Erinnerung an unsere  Zugfahrt.

Kalter Kaffee aus Pappbechern und
halb-flüsternd vorgetragene Gedichte
über Regen und
über Sonnenuntergänge
in Pfützen.

Manche Züge
erreichen nie ihr Ziel.
Manche Passagiere
ebenfalls nicht.

Regentropfen auf Fensterscheiben,
Regentropfen in Kaffeebechern,
Regentropfen in Augenwinkeln,
Tränen in Mundwinkeln.

 

Gib mich noch nicht auf.

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Wo bleibt dein „das kriegen wir hin“?
Wo bleibt dein „alles wird gut“?
Wo bleibt deine Hoffnung und
wo bleibt dein verdammter,
nicht tot zu kriegender Optimismus?

„Gib mich noch nicht auf.“, sage ich.
Suche nach diesem Optimismus.
Für den warst doch du zuständig.
Ich kann das doch nicht.

Doch eines kann ich nicht riskieren.
Dass du deinen Optimismus verlierst
wegen mir.
Als hätte ich dir nicht nur dein Herz gestohlen
sondern alles Positive,
was doch in mir gar nicht Platz hat.
Negatives stößt Positives ab.
Stoße ich dich ab?

Aber ich brauche dich.
Mehr noch als Luft,
die meine Lungen noch immer füllt,
auch wenn es so schmerzhaft ist.
Mehr noch als Natur,
obwohl nur sie mir Schönheit zeigen konnte,
bevor du kamst.
Mehr noch als alles andere
zusammen.

Ich versuche mich sogar an einem Lächeln.
Eine hässliche Grimasse.
Mein Gesicht kennt das nicht mehr.
Ich versuche mich sogar an einem Blick,
der hoffnungsvoll sein soll.
Trotz der getrockneten Tränen
und der neuen Tränen,
die mein Augen zu überschwemmen drohen.

Verdammt.
Woher kannst du das mit dem Optimismus?
Wie soll das bitte funktionieren?
Solange man die Last eines ganzen Lebens auf der Brust hat.
Als läge ich schon unter der Erde.
Begraben in einem Sarg aus Tränen.
Nur aus meinen eigenen Tränen, fürchte ich.

Warum will mir kein Lächeln gelingen?
Warum willst du nicht mehr lächeln?
Warum gibst du deinen Optimismus auf?
Darf ich nun auch mein Leben aufgeben?

Und dann schaust du mich an.
So also müssen wohl meine Augen immer aussehen.
Traurig.
Schwer. So schwer.
Du atmest ein
als wäre deine Lunge erdrückt.
Von den Worten, die du nun sagen möchtest.

Die Worte, die mein Leben,
eine Glasfassade, zerbrechlicher als feinstes Porzellan,
mit Steinen bewerfen werden.
Die Worte, die meine ganze Existenz,
ein hoffnungsloser Versuch ein Schloss zu bauen,
ein Luftschloss,
zum Einstürzen bringen werden.
Die Worte, die mich
umbringen werden.

Was kostet die Welt?
habe ich immer gefragt.
Was kosten deine Worte?
Mein Leben.

Deine Lippen, die mich küssen könnten,
dass ich nie wieder sterben möchte,
nie wieder Abschiedsbriefe schreiben möchte,
nicht im Kopf und nicht auf Papier,
deine Lippen bewegen sich.
Formen Worte, die mich umbringen werden.

Ich will es nicht hören und doch höre ich zu.

„Ich gebe dich niemals auf.“

Oh.

Deine Augen
noch immer so traurig.
Doch jetzt sehe ich ihn wieder,
den Optimismus.
Blitzen und blinken.
Oh.
Mein Fehler.
Bei mir sind das immer Tränen.
Bei dir der Optimismus.

Da seh‘ ich es wieder.
Dein „Das kriegen wir hin.“
Dein „Alles wird gut.“
Deine Hoffnung und deinen verdammten,
nicht tot zu kriegenden Optimismus.

Danke.

Was übrig bleibt

Asche und Feuer

Das ist es, was übrig bleibt:
Asche und Staub.
Und Tränen.

„Brennt es nieder!“, hast du gerufen.
„Lasst die Flammen tanzen!“

Und wir ließen sie tanzen.
Tanzen und toben.
Wütend fraßen sie alles, was ihnen in den Weg kam.
Hungrige Drachen in gelb und rot.

Dann war alles tot.
Schwarze Flocken rieselten vom Himmel.
Bedeckten die Erde wie eine düstere Decke.

Du hast auf den Phönix gewartet.
Der aus der Asche emporsteigen sollte.
Doch da war keiner.

Nichts war mehr übrig.
Nur Asche und Staub.
Und Tränen.

Sorgen ertränken

Whisky

Ich, die ich nie Alkohol trank, da ich nie die Kontrolle verlieren wollte, ich versuchte meine Sorgen in Whisky zu ertränken.
Das erste Glas leerte ich noch langsam. Als versuchte ich, zumindest einen letzten Rest Würde zu behalten.
Dann trank ich das zweite und dritte.
Scheiß auf die Würde!
Dann begann ich zu zittern. Vielleicht weil keine Tränen mehr übrig waren.
Die hatte ich schon den ganzen Tag über verschwendet.
Beim vierten Glas merkte ich, wie ich mich veränderte.
Ich redete langsamer, dachte langsamer.
Und ich begann doch wieder, hemmungslos zu weinen.
Nicht weil ich betrunken war.
Sondern weil ich verzweifelt genug war, um mich zu betrinken.
Doch manche Sorgen halten mehr Alkohol aus, als ich es tue.