Kein Gebet

Wolkentürme

Ich blute Tränen und weine Blut. Meine Wunden werden mit Salz übergossen, ehe sie zu Asche zerfallen. Dein Mund formt sich zu einem „Oh“, das ich heute noch hören kann, obwohl ich es nie sah. Ich hörte davon. Ich schäle meine Haut von den Lippen. Küsse Brandmale und Statuen, die genauso zu Staub werden, wie jeder Wimpernschlag, der jemals zwischen uns stand. Stattfand. Anstatt zu weinen, beten wir. Anstatt zu beten, leben wir. Ich erinnere mich an Träume, in denen ich verblutete, weil ich so viel weinte. Es waren nie Albträume, denn aus Blut entsteht Leben und Leben bist du.

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1. Date

fear.

Was ich antworte, wenn du mir sagst, dass du mich gerne wiedersehen möchtest:

„Du musst wissen, mit mir (oder genauer gesagt: mit meinem Kopf) stimmt etwas nicht. Es gibt vernünftige Tage, an denen kann ich fröhlich sein. Oder wütend oder traurig. In normalen Ausmaßen. Wie heute. Ich kann lächeln und lachen und nachdenklich sein.
Und dann gibt es Tage, an denen ich nicht aufstehen kann. Die Sinnlosigkeit meines Lebens fesselt mich in mein Bett, ich bin wach und will nur schlafen.
Es gibt Tage, die ich weinend verbringe. An denen ich nicht nur nah am Wasser gebaut bin, sondern mitten im Wasser stehe. An denen eine normale Frage, was ich trinken möchte, eine Sinnkrise (und noch mehr Tränen) hervorruft, weil ich doch nicht weiß, was ich überhaupt jemals möchte. Außer für immer zu schlafen. Und ausgerechnet dann hält mich mein Kopf die ganze Nacht wach.
Es gibt Tage, da presst sich das Gewicht der ganzen Welt auf meine Brust bis ich das Gefühl habe zu ersticken. Doch ich tue es nicht. Stattdessen wird jeder Atemzug zur Qual und niemand kann mir helfen.
Du wirst versuchen wollen mir zu helfen, doch du kannst es nicht. Und mit jedem Satz, den du sagst, werde ich mich noch unverstandener und noch hilfloser fühlen.
Und sag jetzt nicht, das ist dir egal. Weil es dir nicht egal sein wird. Falls ich dir irgendetwas bedeute. Du wirst mit mir leiden und ich werde mich deswegen noch schrecklicher fühlen. Und das alles kann und wird unser Ruin sein.

Das also sollte dir klar sein, wen du sagst, dass du mich wiedersehen möchtest.“

Von Wasserfällen

Waterfall

Nie wieder Wasserfälle auf meinen Wangen,
schwöre ich mir,
noch während sich eine Pfütze
auf meinen Knien bildet,
zwischen den Flecken aus Wimperntusche,
die an Flügel von Vögeln erinnern,
die jeden Herbst in den Süden ziehen.
Zumindest sie können der Dunkelheit entfliehen,
ich hingegen behelfe mir
mit der Suche nach Polarlichtern,
mit Kerzen in jedem Fenster
und mit stets griffbereiten Streichholzschachteln.
Die trage ich sowieso immer bei mir,
für den Fall, dass ich all diese Brücken
doch endlich anzünden möchte kann.
Bisher jedoch war noch jedes Streichholz
in einem Wasserfall ertrunken.

Klaustrophobiehimmel

Klaustrophobiehimmel

Wir sitzen auf dem Dach, über den Dächern, und versuchen keinen Drahtseil- und keinen Balanceakt daraus zu machen. Unter uns das scheinbar geordnete Labyrinth der Straßen erleuchtet von Laternen, die uns nicht erleuchten konnten. Denen wir nicht folgen konnten, denn jede Straße war eine Einbahnstraße und wir waren Geisterfahrer, die nur in Sackgassen landeten. Ich halte die Hände auf, als würde ich auf etwas warten, ein Stück Brot, ein Stück Zucker, ein Stück Peitsche. Ein Stück Brot, ein Stück Zirkus. Panem et circenses. Doch noch immer war es kein Drahtseilakt und kein Trapezkunstwerk. Stattdessen schenkst du mir Wein ein, roten und reinen. Und alles was ich tun will ist meine Hände auf meine Ohren zu pressen, wie ich es als Kind schon immer getan hatte. Schon damals lernte ich zu balancieren ohne die Arme auszustrecken. Schon damals hatte ich beide Hände auf die Ohren gepresst. Weil diese Welt und diese Stadt und diese Menschen zu viele Wahrheiten bereithalten, die ich nicht aushalte. Der Wein schmeckt nach Blut und ich frage mich, ob wohl Wein von weinen kommt oder andersherum und ob ich es wohl in Blut umbenennen könnte, dieses Getränk. Ein neues Wort in meinem ‚Dictionary of felicitas-invented words‘. Noch ein Wort: Klaustrophobiehimmel. Das ist der Himmel im Moment. Diese Wolkendecke, die behauptet pink zu werden, weil schon wieder ein neuer Morgen dämmert. Mir dämmert noch so einiges mehr. Erstens: Ich hasse Wein. Zweitens: Ich hasse die Wahrheit. Drittens: Ich hasse pink. Und damit all die Erinnerungen an all die Nächte oder Morgen oder was auch immer diese Momente waren auf all diesen Dächern.

Nackt bedeutet nicht „ohne Kleidung“

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Du prahlst damit, wie viele Mädchen du bereits nackt gesehen hast. Und deine Freunde werden johlen und grölen deswegen, zumindest wenn sie genug getrunken haben. Wenn nicht, werden sie zumindest anerkennend nicken.
Du bist stolz auf diese Zahl, die zweistellig ist und unnatürlich hoch und einfach eine Lüge.
Mit gespielter Zurückhaltung erzählst du schließlich auch mir davon. Schließlich habe ich dir von meiner Krankheit erzählt und das bedeutet, dass auch du mir etwas Persönliches erzählen musst. So geht dieses Spiel, dieses Austauschen von Geheimnissen, dieses plötzliche und doch schleichende Inneres-nach-Außen-Kehren.

Und ich widerspreche dir.
Zuerst stutzt du. „Doch.“, beharrst du. „Es waren wirklich so viele.“
Wieder sage ich: „Nein, waren es nicht.“
Du zuckst mit den Schultern, als würdest du klein beigeben. Zumindest ein ganz klein wenig. „Vielleicht hast du recht, einige habe ich öfter nackt gesehen, vielleicht habe ich da mal falsch gezählt.“
Dreimal hole ich Luft, bevor ich die Worte & Silben in meinem Kopf richtig sortiert habe. Dann frage ich dich: „Wie viele Mädchen hast du weinen gesehen?“
Falten bilden sich auf deiner Stirn, du wirkst irritiert und ein wenig verstimmt und unangenehm berührt und dann sagst du: „Na ja, drei oder vier. Und meine Schwester und meine Nichte. Aber…“
Ich lasse dich nicht weiterreden, denn ich weiß, dass du das Thema wechseln möchtest.
„Wie viele Mädchen haben dir von ihren Albträumen erzählt?“, frage ich weiter.
Wieder dein Stirnrunzeln. Dann widerwillig: „Meine Ex-Freundin ist nachts öfter mal aufgewacht und ich…“ Du unterbrichst dich selbst und fragst, unsicher grinsend: „Aber was soll das? Wird das jetzt ein Witz?“ Weil wir sonst doch immer scherzen.
Unbeeindruckt frage ich weiter: „Wie viele Mädchen haben deine Hand gedrückt, einfach als Zeichen ihrer Gefühle? Wie viele Mädchen haben dir von ihren Träumen erzählt? Von ihren peinlichen Kindheitswünschen und von ihren Momenten der Panik? Wie viele Mädchen haben dir mit strahlenden Augen erzählt, wie wunderschön eine Erinnerung ist? Von wie vielen Mädchen hast du die Tränen gesehen? Von wie vielen Mädchen weißt du, warum sie ihr Studium abgebrochen haben oder warum sie sich von ihrem letzten Freund getrennt haben oder warum sie schon so lange nicht mehr mit ihren Eltern gesprochen haben?“

Ich mache eine kurze Pause, lächle (es tut mir leid, das Lächeln sollte nicht abwertend sein doch ich glaube, es kam geringschätzig rüber) und frage: „Na, wie viele Mädchen waren das?“

Sprachlos starrst du mich an. Verärgerung und Hilflosigkeit sprechen aus deinen meerblauen Augen, die schon so viele Mädchen dazu überredet haben, zu dir nach Hause mitzukommen. Deine Lippen, die schon so viele Mädchen geküsst haben, zucken und doch sagst du kein Wort.

Ich wiederhole die Zahl, die du mir gerade genannt hast. „So viele Mädchen hast du vielleicht schon ohne Kleidung gesehen. Doch Nacktheit ist etwas anderes.“

Gib mich noch nicht auf.

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Wo bleibt dein „das kriegen wir hin“?
Wo bleibt dein „alles wird gut“?
Wo bleibt deine Hoffnung und
wo bleibt dein verdammter,
nicht tot zu kriegender Optimismus?

„Gib mich noch nicht auf.“, sage ich.
Suche nach diesem Optimismus.
Für den warst doch du zuständig.
Ich kann das doch nicht.

Doch eines kann ich nicht riskieren.
Dass du deinen Optimismus verlierst
wegen mir.
Als hätte ich dir nicht nur dein Herz gestohlen
sondern alles Positive,
was doch in mir gar nicht Platz hat.
Negatives stößt Positives ab.
Stoße ich dich ab?

Aber ich brauche dich.
Mehr noch als Luft,
die meine Lungen noch immer füllt,
auch wenn es so schmerzhaft ist.
Mehr noch als Natur,
obwohl nur sie mir Schönheit zeigen konnte,
bevor du kamst.
Mehr noch als alles andere
zusammen.

Ich versuche mich sogar an einem Lächeln.
Eine hässliche Grimasse.
Mein Gesicht kennt das nicht mehr.
Ich versuche mich sogar an einem Blick,
der hoffnungsvoll sein soll.
Trotz der getrockneten Tränen
und der neuen Tränen,
die mein Augen zu überschwemmen drohen.

Verdammt.
Woher kannst du das mit dem Optimismus?
Wie soll das bitte funktionieren?
Solange man die Last eines ganzen Lebens auf der Brust hat.
Als läge ich schon unter der Erde.
Begraben in einem Sarg aus Tränen.
Nur aus meinen eigenen Tränen, fürchte ich.

Warum will mir kein Lächeln gelingen?
Warum willst du nicht mehr lächeln?
Warum gibst du deinen Optimismus auf?
Darf ich nun auch mein Leben aufgeben?

Und dann schaust du mich an.
So also müssen wohl meine Augen immer aussehen.
Traurig.
Schwer. So schwer.
Du atmest ein
als wäre deine Lunge erdrückt.
Von den Worten, die du nun sagen möchtest.

Die Worte, die mein Leben,
eine Glasfassade, zerbrechlicher als feinstes Porzellan,
mit Steinen bewerfen werden.
Die Worte, die meine ganze Existenz,
ein hoffnungsloser Versuch ein Schloss zu bauen,
ein Luftschloss,
zum Einstürzen bringen werden.
Die Worte, die mich
umbringen werden.

Was kostet die Welt?
habe ich immer gefragt.
Was kosten deine Worte?
Mein Leben.

Deine Lippen, die mich küssen könnten,
dass ich nie wieder sterben möchte,
nie wieder Abschiedsbriefe schreiben möchte,
nicht im Kopf und nicht auf Papier,
deine Lippen bewegen sich.
Formen Worte, die mich umbringen werden.

Ich will es nicht hören und doch höre ich zu.

„Ich gebe dich niemals auf.“

Oh.

Deine Augen
noch immer so traurig.
Doch jetzt sehe ich ihn wieder,
den Optimismus.
Blitzen und blinken.
Oh.
Mein Fehler.
Bei mir sind das immer Tränen.
Bei dir der Optimismus.

Da seh‘ ich es wieder.
Dein „Das kriegen wir hin.“
Dein „Alles wird gut.“
Deine Hoffnung und deinen verdammten,
nicht tot zu kriegenden Optimismus.

Danke.

Liebeserklärung an F. – Teil IV

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Ich möchte in deinem Arm liegen.
Ich möchte bei dir sein.
Denn du gibst mir Halt in dieser haltlosen Welt, wie ein Rettungsboot mitten im stürmischen Ozean.
Ich möchte mich verkriechen, irgendwo zwischen deiner Schulter und deinem Hals, in dieser knochigen Stelle, die so warm ist und sicher.
Ich möchte abends neben dir einschlafen.
Und nachts aufwachen, nur um dir beim Schlafen zuzusehen und nochmal neben dir einschlafen zu können.
Ich möchte dich beschützen. Die düsteren Gedanken aus deinem Kopf verjagen.
Und ich möchte, dass du mich beschützt.
Ich möchte nicht mehr all diese Monster sehen und fühlen. Und nur du kannst sie verjagen.
Ich möchte nur bei dir weinen, denn du küsst mir die Tränen von den Augen und nimmst mich in den Arm und hältst mich fest.
Ich möchte, dass du mich auf die Nase küsst und ich möchte dein Lachen sehen, wenn ich deswegen mein Gesicht verziehe.
Ich möchte deine Hand halten, ununterbrochen, auch wenn der Ring, den du nie ablegst, im Winter so fürchterlich kalt wird.
Ich möchte dich nie wieder loslassen, weil ich doch immer Angst habe, dass du irgendwann nicht mehr zurückkommst.
Ich möchte in deinem Arm liegen.
Ich möchte bei dir sein.
Immer.

Teil I
Teil II
Teil III