Am Meer

Über den Dächern von Brighton

Was macht man, wenn das Wetter Zuhause so stark auf die Stimmung drückt, das man sich fühlt wie Atlas, der schließlich das Gewicht der ganzen Welt tragen musste?
Richtig, man fährt ans Meer.

Und auch wenn dort das Wetter nicht unbedingt besser ist, es ist doch immerhin anders. Der Himmel ist weiter, die Luft riecht salzig, die Möwen kreischen.

Also sitze ich am Strand im Nebel und beobachte die Wellen.
Sitze im Café und belausche nichtige Gespräche über Essgewohnheiten und Kollegen.
Liege im Hotelbett, starre aus dem Fenster und beobachte die Möwen.

Auch am Meer ist das Leben nicht unbedingt besser.
Aber immerhin ist es anders.

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Jupiter

bloody moon

Vielleicht hätte ich dir sagen sollen,
dass ich heute Nacht
nicht nach Sternschnuppen suche,
sondern nach Jupiter.
Ich brauche keine Wünsche
solange du neben mir liegst.
Immerhin jetzt
kann ich in der Gegenwart leben.
Etwas, das du mir beigebracht hast,
ähnlich wie das Finden von Schmetterlingen,
nicht nur die im Bauch aber.

Heute Nacht also suche ich nach Jupiter
und nach seinen Ringen,
die man mit bloßem Auge eigentlich
nicht erkennen kann.
Aber man wird ja wohl noch suchen dürfen.


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Eisherz

Frost

Aus Eisenherz wird Eisherz.

Deine Hände waren schon immer kalt,
jetzt ist es auch deine Stimme
und insbesondere dein Herz.

Dein Atem wird zu Rauch
und deine Worte ebenfalls.

Mir ist so fürchterlich kalt hier,
lass mich ein Feuer entzünden.

Setze die Brücken in Flammen,
die noch zwischen uns waren.

Jetzt steht zwischen uns
nur noch die Kälte.

Du siehst gefährlich aus

Fairylights

Gelbes, flackerndes Licht.
Wir tanzen, bis wir nicht mehr können. Na gut, tanzen konnte ich noch nie. Wir tanzen, bis uns die Puste ausgeht. Bis unsere Beine schmerzen. Und dabei habe ich doch extra meine bequemen Turnschuhe angezogen.
Vier Freundinnen neben mir. Die vier wichtigsten Menschen meines Lebens. Und dennoch halte ich die ganze Zeit über Ausschau. Nach ihm.
Immer wieder drehen sich meine Gedanken um die Frage, was passieren wird, wenn er auftauchen würde.
Ich würde ihn fertig machen, sage ich mir selbst. Und folge meinen Freundinnen zur Bar. „Nur Wasser“, rufe ich dem Barkeeper zu, der überrascht die Augenbrauen hebt.
Ich gebe ihm keine Erklärung, doch L. weiß genau, was Sache ist.
„Du glaubst, dass er kommt?“, fragt sie zweifelnd.
„Ich weiß es nicht“, gebe ich zu und nehme mein Wasser entgegen. „Aber falls er kommt, möchte ich gewappnet sein.“
„Du bist immer gewappnet“, stellt R. nüchtern fest und hebt ihr Glas GinTonic. „Auf den Kampf, auf den du schon so lange wartest.“
„Auf den Kampf, den ich hoffentlich gewinnen werde.“
„Du wirst gewinnen.“
Unsere Gläser klirren und das Licht flackert. Und meine Augen suchen weiter jeden Zentimeter nach ihm ab.
Ich merke nicht, dass L. mich beobachtet. „Hör auf damit, das ist beängstigend“, sagt sie.
„Was?“ Ich drehe mich zu ihr und starre auf ihre dunkelrot geschminkten Lippen, die immer so viel schöner aussehen als meine. Aber das macht nichts, ich muss nicht schön sein, sage ich mir. Ich muss nur stark sein. Und gefährlich.
L. seufzt. „Wie du deinen Kiefer anspannst. Und deine Armmuskeln. Dass du überhaupt solche Armmuskeln hast. Du siehst gefährlich aus.“
„Gut.“

Kein Zuhause

Kein Zuhause

Das hier ist kein Ort, den ich „Zuhause“ nennen würde.
Mehr so ein Ort, an dem ich eine Weile gelebt habe. Ein Vier-Wände-und-ein-Dach-über-dem-Kopf-Ort.
Dort, wo ich mein Frühstück gegessen und meine Regenjacke zum Trocknen aufgehängt habe.
Dort, wo ich auf Zehenspitzen stehend aus dem Dachfenster geschielt habe, um Sonnenuntergänge zu beobachten.
Der Ort, den ich meinte, wenn ich sagte „zu mir“.
Der Ort, an dem ich wusste, welche Treppenstufe bei welcher Bewegung knarzte und welche Küchenschublade manchmal klemmte.
Dort, wo mein Lesesessel gestanden hatte, der manchmal zu einem Weinsessel geworden war.
Der Ort, nach dem ich nun Heimweh habe.
Vielleicht war es doch ein Zuhause. Mein Zuhause.

Wissenslücken

Budapest sky

Wir wissen nicht, wo es hinführt. Wir wissen nicht, wo es endet. Wir wussten ja noch nicht einmal, dass es überhaupt schon begann.
Und so stehen wir nun hier, mitten im Regen, mitten in der Geschichte, mittendrin, irgendwo im Nirgendwo und wissen nichts. Dabei war ich es gewohnt, alles zu wissen. Du fragtest mich und ich fragte dich und gemeinsam schlossen wir alle Lücken. Wissenslücken und die zwischen uns. Alles was noch zwischen uns war, waren unausgesprochene Wörter. Keine Antworten, sondern weitere Fragen. Auf die es keine Antworten gibt. Vermutlich begann es mit der ersten unbeantworteten Frage. War es eine Wissenslücke? Oder eine Willenslücke?
Seitdem fallen wir auseinander. In tausend Stücke. In tausend Einzelteile. Alle voneinander getrennt durch unaussprechbare und unbeantwortbare Lücken.
Ich war es gewohnt, an Wissen zu glauben.
Nun glaube ich an Lücken.
Wohin auch immer uns das führen mag.