Jupitermonde

»Das ist der Große Wagen«, sage ich ein bisschen stolz und gleichzeitig ein bisschen beschämt, weil es noch immer das einzige Sternbild ist, das ich mit Sicherheit erkenne.
Sie strahlt mich an. Glaube ich zumindest. Hoffe ich zumindest. In der Dunkelheit ist das schwer zu erkennen, doch irgendwie ist es hier ja nie ganz dunkel. Irgendwo brennt immer die Straßenbeleuchtung, oder ein Auto fährt vorbei, oder Reklame leuchtet in den Himmel. Und das entfernte Licht reicht aus, um zu erkennen, dass sie lächelt.
»Was kennst du noch?«, will sie wissen.
Vorsichtig zeige ich in die entgegengesetzte Richtung. »Das ist Pegasus?« Ich formuliere es als Frage, aus Angst, mich zum Idioten zu machen. Dabei will ich unbedingt zeigen, dass ich intelligent bin, schließlich hatte das zu diesem außergewöhnlichen Treffen geführt.
In der Schule fühlte ich mich allen Anderen so überlegen, und Freunde finden hatte sowieso noch nie zu meinen Stärken gehört. Da war es kein Wunder, dass ich ganz begeistert war, als sie plötzlich begonnen hat, mit mir über Jupitermonde zu sprechen, nur weil ich erzählt hatte, dass meine Katzen Ganymed und Kallisto heißen. Natürlich hatte ich zugestimmt, als sie vorgeschlagen hatte, mir den Sternenhimmel zu erklären, weil ich ja offensichtlich die Einzige hier war, die »intelligent und interessiert genug ist dafür«. So hatte sie es ausgedrückt und ich war sofort mindestens drei Zentimeter gewachsen.
Jetzt gebe ich mir größte Mühe, nicht dumm zu wirken, denn ich will mich unbedingt wieder mit ihr treffen. Denn sie ist intelligent und interessiert und das, was ich mir als Freundin wünsche.

Je Le Regrette

Wir schwören uns, dass wir manche Dinge nie tun würden, egal was ist, egal was kommt, aber dann passiert es, ganz plötzlich, eigentlich mit langer Ankündigung, doch wir wollten es nicht kommen sehen, und dann ist es sowieso zu spät, es passiert wieder und wieder, und im Nachhinein fragen wir uns, wie wir das tun konnten, wenn wir in Wirklichkeit wissen, dass wir es jederzeit wieder tun würden, egal, wie sehr wir es bereuen, denn insgeheim bereuen wir es nicht, das Einzige, was wir bereuen, ist, dass wir unsere Ideale nicht einmal selbst vertreten können und dass wir uns selbst anlügen, trotzdem reicht die Reue nicht aus, und wir würden es nochmal tun und wir tun es nochmal, weil es doch jetzt sowieso schon egal ist, denn vielleicht messen wir diesen ganzen Idealen auch nur viel zu viel Bedeutung bei.

Rückgrat

Du hast zweieinhalb Jahrzehnte überlebt, mit nichts als deinem Rückgrat, das dich aufrecht hält. Du läufst weiter, während du stoppen möchtest. Du überwindest Mauern, die andere Menschen in Jahren, Monaten, Tagen, Sekunden errichtet haben. Du gehst über Brücken, die du selbst niederbrennen wolltest. Die jeder Mensch um dich herum niederbrennen wollte. Sie brennen nicht. Mehr. Du läufst auch über Asche. Nichts kann dich stoppen.
Manchmal braucht es nur eisernen Willen, um aufrecht zu stehen. Und jede Menge Rückgrat.
Die einzige Beleidigung, die du jemals ausgesprochen hast: »I’ve seen more spine in jellyfish.«

Gut im Verzeihen

Sie sieht mich ganz seltsam an, weil sie weiß, dass ich ihren nächsten Satz eigentlich gar nicht hören will. »Es tut gut, zu verzeihen. Zumal er sich jetzt oft genug entschuldigt hat.«
Ich hole Luft, doch sie lässt mich nicht zu Wort kommen. »Ich weiß, ich weiß. Manche Dinge kann man nicht verzeihen. Trotz Entschuldigungen.«
»Richtig.« Ich merke schon wieder, wie sich eine Wutfalte zwischen meinen Augenbrauen bildet. »Und manche Dinge will man nicht verzeihen.«
Womöglich ist die Cafeteria kein guter Ort für solch ein Gespräch. Die ersten Leute drehen sich zu uns um. Ich kenne sie alle. Niemand kennt die Geschichte, von der wir sprechen.
Trotzdem rede ich weiter. Ein wenig kleinlaut. Aber laut, weil ich wütend bin. Auf ihn und auf mich. »Ich denke doch noch ständig daran. Wir wissen beide, wie das endet, wenn ich ihm verzeihen würde. Also darf ich es nicht.« Ich stelle meine Kaffeetasse ein wenig zu schwungvoll ab und ergänze ein wenig zu heftig. »Und ich will es auch gar nicht.« Ich weiß, dass ich klinge wie ein kleines Kind. Ich weiß, dass inzwischen noch mehr Leute zu uns herüberschielen. Es ist mir fast egal.
Auch sie hat die Blicke der Anderen bemerkt und senkt ihre Stimme, obwohl wir beide wissen, dass nur ich diejenige bin, die zu laut redet. »Erinnerst du dich noch an London, als …«
Schnell unterbreche ich sie. Ebenfalls eine Geschichte, die niemand kennt. Sie ausgenommen. »Natürlich erinnere ich mich daran!«
»Eben. Aber du hast ihr verziehen.«
»Jaaaa«, sage ich gedehnt. »Weil …«
Jetzt unterbricht sie mich. »Weil du gesagt hast, dass du gut bist im Verzeihen.« Sie sieht mich selbstzufrieden an.
Ich denke eine ganze Weile über diesen Satz nach. Trinke nochmal einen Schluck Kaffee, den sie mir spendiert hat, damit ich endlich mit ihr reden würde. Oder damit sie mir endlich sagen konnte, dass ich diesem Vollidioten verzeihen sollte.
Damals in London, da wollte ich verzeihen. Ich dachte damals auch noch, dass ich gut wäre im Verzeihen. Aber langsam komme ich hinter den eigentlichen Grund.
Dieses Mal setze ich meine Kaffeetasse vorsichtiger ab.
»Weißt du«, versuche ich meine Gedanken laut auszusprechen. »Ich dachte immer, ich wäre gut im Verzeihen. Aber in Wirklichkeit bin ich einfach nur schlecht im Brücken Niederbrennen.«

In 5 Jahren

Du sagtest Vielleicht sollten wir uns in 5 Jahren nochmal treffen. In diesem Moment klang es wie die klügste Idee, die ein Mensch jemals hatte. Ich wusste, dass ich einen langen Weg vor mir hatte. In 5 Jahren schafft man viel Weg. Ich wusste, dass ich einen harten Kampf vor mir hatte. In 5 Jahren kann man solch einen Kampf gewinnen.
Wenn das Hier & Jetzt nicht passt, aber alles Andere schon, dann sollte man vielleicht das Hier & Jetzt verschieben, hast du gesagt. Es ergab so herrlich viel Sinn. In diesem Moment.
Doch jetzt, 6 Monate später, kann ich den Vorschlag mit Abstand betrachten, und ich muss gestehen, dass ich noch nie in meinem Leben einen solch feigen Satz gehört habe.
Wenn du mich nicht erträgst im Hier & Jetzt, wenn du den Weg nicht mit mir gehen kannst, wenn du zu schwach bist für diesen Weg mit mir, zu schwach für 5 Jahre Kampf, dann hast du mich nicht verdient, wenn ich den Kampf gewonnen habe.