Hier glaube ich an Wölfe

DSC05448

Die Sonne ist bereits mittags zu nah am Horizont. Aber gegen die Bäume hier hat sie sowieso keine Chance. Die perfekte Ort, um Pläne zu schmieden. Der perfekte Tag, um Chaos anzurichten.
Ein wenig vermisse ich dich gerade. Wie du es nicht Chaos nennst. Sondern Ein Versuch, die Ordnung zu ändern. Mir ist Chaos lieber. Ordnung gibt es viel zu viel. Selbst in den Wäldern. Wo die Bäume in Reih‘ und Glied aufgestellt sind. Wie Soldaten.
Nur hier im Wolfswald ist das anders. Ich glaube nicht, dass es hier Wölfe gibt. Aber allein die Gerüchte darum halten all diese feigen Menschen fern. Nur dich nicht.
Ich schiebe den Gedanken zur Seite und laufe weiter. Die Rauchbomben sind bereits platziert, das Warnfeuer vorbereitet. Jetzt muss ich nur noch zurück zu dir gehen. Durch den Wald bei Dämmerung. Ich fürchte mich nicht vor der Nacht. Ich fürchte mich nicht vor dem Wald. Aber vor der Dämmerung fürchte ich mich. Und vielleicht doch auch ein wenig davor, was hier sonst noch sein könnte. Auch wenn ich es dir nicht glauben wollte. Ich wollte unerschrocken sein. Niemals vor dir zugeben, dass ich mich einschüchtern lasse von irgendetwas.
Ein Knacken hinter mir. Und ich muss daran denken, wie ich dich ausgelacht habe. „Das sind nur Gerüchte“, habe ich gesagt.
Ein leises Knurren rechts von mir. Und ich muss daran denken, wie du dich besorgt im Wald umgesehen hast. „Hier glaube ich an Wölfe“, hast du gesagt.
Dann sehe ich sie überall und hoffe, dass du mir so wenig geglaubt hast wie ich dir.

Advertisements

Neo-Optimismus

Gläser

Sie trinken auf ihr eigenes Wohl, mit dem Blut von uns allen. Glauben, sie treffen die wichtigen Entscheidungen. Nämlich, wer von ihnen zuerst auf den Mond darf. Wenn sie die Erde vollständig zerstört haben. Mit ihrer Ignoranz. Und ihren Gedanken an gestern, als noch alles besser und einfacher war. Morgen sind sie sowieso schon tot. Oder noch immer reich genug, um sich selbst als erstes zu retten.
Sie schlafen wohl noch immer ruhig. Ruhig genug zumindest, um all diese Jets pünktlich zu besteigen. Um täglich in den Spiegel sehen zu können, um zu prüfen, ob die Frisur noch sitzt, die sie von Menschen erhalten haben, die einer anderen Klasse angehören. Einer Klasse, von der sie gar nicht wissen, dass es sie gibt. Alle Menschen sind schließlich gleich. [Manche Menschen sind gleicher.]
Sie reden sich um Kopf und Kragen, machen Versprechen, die niemand halten kann, und dennoch gibt es Menschen, die dumm genug sind, ihnen zu glauben. Oder ist das Neo-Optimismus?
Während die Jugend damit beschäftigt ist, neue Wörter dafür erfindet. Lieber etwas gar nicht machen, als es schlecht zu machen.


Banner Bd2
Dieser Banner ist Werbung. Wenn ihr mein Buch kauft, erhalte ich logischerweise ein kleines bisschen Marge. Würde mich also freuen, wenn ihr das tut 🙂

Wolkenkleid

In Wolken gekleidet,
nicht wissen, wann man aufhören sollte,
zu viel Herz hineinzustecken
& zu viel Hoffnung,
weil die doch zuletzt stirbt.
Doch alle Dinge müssen sterben,
jedes Königreich fällt irgendwann,
selbst Berge zerfallen zu Staub.
Schwarzmalen solange es noch etwas zu malen gibt.
Bis die Wolken verschwinden
& die Hoffnung weiterlebt.

ertrinken

Aufs Meer schauen

Manchmal, da ertrinke ich. Weil sich alles an mir so falsch anfühlt. Und alles in mir auch.
Und alles ist schwer, zieht mich nach unten, dorthin, wo man nur noch die Gedanken atmen hören kann.
Doch dann kommst du. Du bist kein Anker. Denn Anker sind auch nur schwer und liegen im Wasser. Nein, du bist das Schiff, das oben auf mich wartet. Und du bist das U-Boot, das nach mir sucht.
Ich kralle mich an dir fest und versuche, nie wieder ins Meer zu stürzen. Stattdessen sitze ich neben dir am Strand und beobachte die Wellen. Die mir nun nichts mehr anhaben können.


Banner Bd2

Nicht einfacher. Besser.

„Wie bitteschön soll ich das schaffen?“ Am liebsten hätte ich wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufgestampft. Er verlangte hier das Unmögliche von mir – mal wieder. Als wäre es selbstverständlich, dass ich regelmäßig physikalische Gesetze außer Kraft setze. Natürlich stampfte ich nicht mit dem Fuß auf. Ich wollte ernstgenommen werden. Da benahm man sich erwachsen. Also stemmte ich die Hände in die Hüften und sah ihn so wütend an, wie ich konnte. Die Ohrfeige hob ich mir für später auf.
Er zuckte mit den Schultern. „Wie du das halt immer so schaffst.“
„Nein! Dieses Mal nicht!“, widersprach ich. „Du stellst dir das immer so einfach vor. Aber das ist es nicht. Meine Kugeln sind nicht schneller als Licht.“
„Das müssen sie auch nicht sein.“ Er blieb ganz ruhig. Verdammt! Warum konnte er nur immer so ruhig bleiben, während ich am liebsten explodiert wäre!?
Seine Lippen kräuselten sich zu etwas, das wohl ein aufmunterndes Lächeln sein sollte. „Du schaffst das. Wie du das immer schaffst.“ Damit war das Gespräch für ihn beendet und er wandte sich zum Gehen.
Ich zeigte ihm eine nicht ganz so freundliche und kindliche Geste mit einem gewissen Finger und rief ihm hinterher: „Ich wünschte, du würdest mir mal einfachere Aufgaben geben. Ich wünschte, das hier allgemein wäre mal etwas einfacher.“
Überraschenderweise hielt er inne und drehte sich nochmal zu mir um. „Wünsch dir nicht, es wäre einfacher. Wünsch dir, du wärst besser.“


Banner Bd2

Ein wütender Baum

Magie des Waldes

Wie macht man Werbung für Band 2, ohne Band 1 zu spoilern?
Vermutlich gar nicht …
Deswegen mache ich also Werbung für Band 2 MIT SPOILERN.

Hier eine kleine Leseprobe aus dem 1. Kapitel meines neuen Buchs »Evanna Athos und die Magie des Waldes«:

Nach ein paar weiteren stillen Minuten stand Evanna dann aber vom Randstein auf. »Ich sollte jetzt nach Hause«, sagte sie, während sie sich den Staub vom Rock klopfte. »Wir wollen heute Abend ein Lagerfeuer machen und ich hab Aurora versprochen, mit ihr das Holz zu sammeln.«
Ihre kleine Schwester war – besonders seit ihr Vater verschwunden war – der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Auch wenn ihr seit dem letzten Schuljahr einige Mädchen und Jungen aus Angleridge unheimlich wichtig geworden waren, mit ihrer Schwester teilte sie zu viel Vergangenheit, zu viele Erinnerungen.
Nathanael nickte und stand ebenfalls auf. »Dann bis morgen?«
»Na klar, bis morgen«, strahlte Evanna. Es war toll, sich mit jemandem verabreden zu können. Sie sah Nathanael noch kurz nach wie er in die nächste Seitenstraße abbog, dann drehte auch sie sich zum Gehen.
Sie war noch nicht weit gekommen, als sie den Schrei hörte.
»Evanna! Hilfe!«
Das war eindeutig Nathanael.
Ihr Herz begann zu rasen. Was konnte mit Nathanael sein?
Sie machte auf dem Absatz kehrt und rannte zurück.
Als sie um die Ecke bog, hinter der Nathanael gerade verschwunden war, sah sie auch schon, was los war: Wenige Meter von ihr entfernt, im Schatten eines großen Walnussbaums, stand Karsten. Der ehemals beste Freund von Nathanael. Jetzt sah er nicht mehr angesäuert aus, wie noch vor wenigen Minuten, als er Nathanael beleidigt hatte und dieser von Evanna verteidigt worden war, sondern selbstzufrieden. Denn neben ihm war eine kräftige Gestalt, groß gewachsen, die Haare kurz rasiert, breiter Nacken und noch breitere Schultern. Sofort erkannte Evanna, wer da stand: Tom, der Anführer der dorfbekannten Schlägertruppe.
Das allein war schon kein toller Anblick, denn Tom ging man am besten aus dem Weg. Wenn er und seine Kumpels nachmittags an der Bushaltestelle saßen und rauchten, wollte man auch besser nicht mit dem Bus fahren. Schon viel zu oft hatten sie Leute angepöbelt. Zu dieser Gruppe gehörte, soweit Evanna wusste, auch Karstens großer Bruder. Das würde erklären, woher der kleine Junge Tom kannte.
Doch was die Situation, die Evanna erblickte, noch viel schlimmer machte, war, dass Tom jemanden am Kragen gepackt hatte. Und dieser jemand war Nathanael.
Das gibt Ärger, stellte Evanna besorgt fest. Sie trat näher an die Jungen heran, bis auch sie unter dem großen Baum stand, Nathanael vielleicht einen halben Meter von ihr entfernt.
»Was soll das? Lass ihn los!«, sagte sie bestimmt, mit dem Wissen, dass sie sich diesen Satz auch hätte schenken können.
Sie versuchte sich größer zu machen. Immerhin war sie in Severins Büro eingebrochen. Der Mann hatte schon Menschen getötet. Da würde sie doch wohl nicht vor einem Neunzehnjährigen Angst haben. Selbstverständlich war der Versuch vergeblich. Sie fühlte sich hilflos ohne ihre Freunde von Noctua. Was sollte sie denn auch tun?
Natürlich lachte Tom nur: »Ihr seid mir echt ein lustiges Paar! Der Kleine pisst sich fast in die Hose und schreit nach dir wie nach seiner Mama. Und du kommst tatsächlich auch noch angelaufen!«
Fieberhaft suchte Evanna nach einem Ausweg. Körperlich war sie dem Jungen klar unterlegen, der war schließlich gefühlt zwei Meter größer und könnte selbst einem Elefanten das Genick brechen. Ihre Worte waren ihre einzige Waffe. Doch was half das, wenn Tom sie nur auslachte?
Hätte sie ruhig nachgedacht, wäre Evanna bestimmt eingefallen, dass ihre Worte eine perfekte Waffe waren. Schließlich war sie eine Zauberin. Und Austin hatte ihr letztes Jahr erklärt, was das bedeutete. Nämlich, dass sie eine unglaubliche Überzeugungskraft hatte. Jeden Nicht-Magier konnte sie sofort dazu bringen, das zu tun und zu glauben, was sie sagte. Egal, was es war. Deswegen wollte Severin die Zauberer schließlich für seine politischen Pläne missbrauchen. Und Tom war ein Nicht-Magier aus dem Bilderbuch.
Hätte sie ruhig nachgedacht, hätte sie ihn mit zwei vernünftigen, gut formulierten Sätzen überreden können, Nathanael loszulassen.
Doch Evanna konnte im Moment nicht ruhig nachdenken. Sie sah nur Nathanaels weit aufgerissene Rehaugen. Seinen kläglichen Versuch, aufrecht zu stehen. Der sofort zunichte gemacht wurde, als Tom nur einmal mit der Hand ruckte. Wie er durchgeschüttelt wurde, als wäre er nichts weiter als eine zerbrechliche Marionette.
»Hilfloser Feigling!«, spottete Tom.
Auch jetzt überkam Evanna eine Welle der Wut, als sie das Wort Feigling hörte. Nathanael legte sich mit einer radikalen Partei an! Er wäre mit ihr in Severins Büro eingebrochen! Das jedoch würde Tom natürlich nicht verstehen.
Trotzdem rief sie wütend: »Nathanael hat mehr Mut, als ihr beide jemals haben werdet!«
Tom lachte erneut. »Ja, so mutig sieht er auch aus.« Er schüttelte Nathanael nochmals durch, sodass dessen Locken wild umherflogen. »Hat er auf dieser Idiotenschule in England nicht gelernt, wie man sich wehrt?«
Das war Evanna zu viel. In Angleridge hatten sie sich so vielen Gefahren stellen müssen. Severin wollte mit seinen Schülern eine Armee aufbauen! Angleridge war sicher keine Idiotenschule!
»Die Schule ist in Wales, nicht in England«, knurrte Evanna hinter zusammengebissenen Zähnen und sprang dann auf Tom zu. Sie wusste gar nicht genau, was sie tun wollte. Nur, dass dieser widerliche Typ ihren Nathanael loslassen sollte.
Noch während sie losstürzte überlegte sie, wo sie Tom wohl am meisten wehtun konnte. Vielleicht konnte sie ihn in die Hand beißen. Kein sonderlich ritterlicher Angriff … Aber hey, der Typ war viel größer und stärker als sie!
Bevor sie jedoch Tom auch nur nahe kommen konnte, wich sie entsetzt zurück. Der Junge hielt nämlich plötzlich ein Messer in der Hand, die Klinge auf Nathanael gerichtet.
Mit aufgerissenen Augen starrte sie die Waffe an.
Panik überkam sie.
Gegen ein Messer konnte sie nichts ausrichten.
»Du verpisst dich lieber und lässt die Männer das regeln«, meinte Tom spöttisch als er ihr Entsetzen sah. Eigentlich hätte dieser Satz lächerlich geklungen. Wäre er nicht aus Toms Mund gekommen.
Karstens Lachen neben ihm wirkte schlagartig nervös. Vermutlich hatte auch er nicht mit einem Messer gerechnet, als er zu Tom zum Petzen gegangen war.
Evanna rührte sich nicht mehr vom Fleck. Sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Egal was sie versuchen würde, bis sie bei Tom war könnte der mit seinem Messer schon längst sonst etwas mit Nathanael anstellen. Und nach allem was sie über Tom und seine Bande gehört hatte, machte er keine leeren Drohungen.
So verzweifelt sie auch überlegte, sie sah keinen Ausweg.
In diesem Moment sehnte sie sich nach Austin. Der würde sicher einen Weg finden, Nathanael zu helfen. Er wusste immer mehr als alle Anderen. Und er hätte sich auch nicht von einem Großmaul wie Tom einschüchtern lassen.
Doch leider war Austin hunderte Kilometer entfernt, irgendwo in London.
Evanna hatte das Gefühl, sie standen minutenlang in völliger Stille da, zwischendurch unterbrochen von Nathanaels Keuchen.
Schließlich wandte Tom sich an Nathanael: »Die scheint hartnäckig zu sein. Nicht so feige wie du.«
Wieder wallte bei dem Wort feige Wut in Evanna auf. Sie ballte ihre verschwitzen Hände zu Fäusten, was Tom aber nur zum Lachen brachte. Während Evanna fieberhaft überlegte, was sie tun könnte, was Austin wohl tun würde, hörte sie nur das Rauschen der Blätter über ihr in der ansonsten windstillen Sommerhitze.
Tom stichelte weiter: »Hat der kleine Schwachkopf in dieser Idiotenschule auch immer so geheult? Sind da etwa alle solche Weicheier?«
Eine neue Welle der Wut wallte in Evanna auf. Sie dachte an die Noctua-Mitglieder. Jeder von ihnen wusste wie gefährlich jedes Treffen, jede Aktion war. Sie alle hatten schon von Mr Severins Bestrafungsmethoden gehört. Austin hatte man sogar gedroht, seinem kleinen Bruder etwas anzutun. Trotzdem stellten sie sich gegen Severin.
Und diese Leute nannte Tom Weicheier!
Gerade wollte Evanna wutentbrannt auf den bulligen Jungen zuspringen – Messer hin oder her – als sie Nathanaels überraschten Gesichtsausdruck bemerkte.
Sie hielt inne und folgte seinem Blick nach oben zu dem dichten Laub des Walnussbaums. Fast erwartete sie, dass jemand in dem Baum saß. Einen Augenblick lang hoffte ihr törichtes Herz sogar, dass Austin plötzlich gekommen war.
Doch da war niemand. Man hörte nur immer noch, wie die Blätter im Wind rauschten.
Endlich erkannte Evanna, was nicht stimmte: Es wehte überhaupt kein Wind. Die Luft war noch immer so unbewegt und drückend heiß wie schon den ganzen Nachmittag.
Es wehte definitiv kein Wind.
Trotzdem schwangen die Äste hin und her, fast so als wären sie aufgebracht.
Dann spürte Evanna auch die Magie in der Luft. Es war nicht der Wind und auch kein Mensch in der Baumkrone, was das Laub zum Rauschen brachte. Es war ihre Magie. Aufgeweckt durch ihre unglaubliche Wut und ihre Hilflosigkeit.
Evannas Gedanken wurden von Toms erneutem Gelächter unterbrochen: »Was ist jetzt mit deinem Freund? Soll ich ihm ein nettes Muster ins Gesicht ritzen, oder was?«
Evanna reagierte nicht. Inzwischen wusste sie, dass sie nicht mehr auf Tom zuspringen musste, um Nathanael zu helfen. Stattdessen konzentrierte sie sich völlig auf den Baum über sich.
Mittlerweile peitschten die Äste ungehalten durch die Luft. Evanna hatte noch nie einen solch wütenden Baum gesehen. Sie hatte eigentlich überhaupt noch nie einen wütenden Baum gesehen.
Sogar Tom hatte jetzt bemerkt, dass hier etwas nicht stimmte. Auch seine Augen wanderten nach oben, zu den Ästen des wütenden Baums.
Verwirrt ging er ein paar langsame Schritte zurück, Nathanael noch immer fest an sich gepresst. Dann, als sich die ersten Zweige ihm näherten, bewegte er sich schneller.
Doch für einen Rückzug war es zu spät. Als hätte der Baum Toms Absichten erraten, ließ er einen dicken Ast in Richtung des Jungen krachen und traf zielsicher dessen Hand. Das Messer wurde mit einem dumpfen Geräusch auf die Straße geschleudert.
Karsten, der nur wenige Schritte entfernt stand, folgte mit den Augen zuerst dem Messer und dann den dicken Ästen, die durch die Luft wirbelten. Ihm war die Panik ins Gesicht geschrieben, als er sich umdrehte und davonlief.
Auch Tom hatte mittlerweile erkannt, dass es der Baum auf ihn abgesehen hatte. Seine Augen waren weit aufgerissen und sein Mund formte ein stummes »Oh«.
Ohne noch weiter nachzudenken stieß er Nathanael von sich, dass dieser nur so stolperte, und wich weiter zurück. Allerdings nicht weit genug. Während Nathanael schnell zu Evanna rannte, die sich noch immer ganz auf den Baum konzentrierte, wurde Toms Gesicht von einigen dünnen Zweigen zerschnitten. Zunächst versuchte er noch, die Äste mit seinen großen Händen abzuwehren. Doch der Baum ließ sich von so einem kläglichen Versuch nicht abhalten.
Immer wieder hieben die Äste in die Richtung des Jungen, der plötzlich gar nicht mehr so groß und gefährlich wirkte. Die Blätter bedeckten mittlerweile die halbe Straße wie bei einem abrupten Herbsteinbruch.
Endlich drehte Tom sich um und rannte panisch davon, als wäre eine ganze Horde wilder Tiger hinter ihm her. Nicht ohne davor noch einen entsetzten Blick zu Evanna zu werfen.
Kaum war Toms schwerer Körper außer Sichtweite, verschwand Evannas Wut allmählich.
Auch der Baum beruhigte sich wieder. Die Zweige wiegten immer langsamer hin und her. Schließlich schüttelte er noch ein letztes Mal drohend seine Äste, bevor er völlig reglos dastand. Von einem Moment auf den nächsten sah er wieder aus wie ein ganz normaler Baum. Lediglich die vielen Blätter auf der Straße zeugten von dem Wutausbruch.
Nun war nur noch Evannas Keuchen zu hören. Die Magie hatte sie mehr Kraft gekostet, als sie erwartet hatte. Doch auch ihr Atem beruhigte sich langsam wieder. Sie fühlte sich vielleicht ein wenig schwach. Aber auch stolz.
Es dauerte noch einige Minuten, bis Nathanael schließlich die Stille durchbrach: »Danke.« Er senkte beschämt den Blick: »Tut mir leid, dass ich so feige nach dir geschrien habe.«
Evanna brauchte einen Moment, um ihre Gedanken von dem wütenden Baum loszureißen. Dann schüttelte sie energisch ihren Kopf: »Das war nicht feige, das war die einzige Möglichkeit, die du hattest. In dem Fall war es wohl sogar ein sehr kluge Idee.«
Sie musste grinsen. Wenn sie daran dachte, wie sehr sie sich letztes Jahr in Angleridge mit Austin abgemüht hatte, winzige Papiervögel zum Leben zu erwecken … Und jetzt hatte sie einen ganzen Baum geschafft!
Auch auf Nathanaels Gesicht stahl sich ein Lächeln, auch wenn es ein wenig gezwungen aussah. »Das war echt beängstigend!«
Sie standen noch einige Minuten da, schweigend wie immer, bis Evanna sich nochmal verabschiedete und nach Hause ging. Beschwingt und überrascht von ihren magischen Fähigkeiten.
Sie konnte ja nicht ahnen, dass einer ihrer Freunde darüber überhaupt nicht erfreut war.

Banner Bd2

Überall, wo es Bücher gibt, zum Beispiel:
Amazon
BoD – Books on Demand
Thalia
bücher.de


* dieser Beitrag enthält Werbung. Wenn ihr mein Buch kauft, erhalte ich logischerweise ein kleines bisschen Marge. Würde mich also freuen, wenn ihr das tut 🙂