Sommer-Superman

Das Blöde an den langen Tagen ist, dass mein Gehirn, solange es hell ist, glaubt, ich könnte die Welt retten. Ich halte mich für eine Heldin, die ich eigentlich nicht bin.
Und sobald es dunkel wird, falle ich ins Bett und mein Körper sagt mir: „Spinnst du!? Lass mich bloß in Ruhe! Glaubst du etwa, du bist Superman?“

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zu gefährlich

Zunächst dachte ich, ich hätte mich getäuscht. Ich habe ihn schließlich seit Jahren nicht mehr gesehen. Außerdem dachte ich, er wäre nach Frankfurt gezogen. Das war viel zu weit weg, um ihn hier – durch Zufall – in den Bergen zu treffen. Doch als ich am Gipfel stand und die Aussicht genoss, stand er plötzlich neben mir. Mit diesem Grinsen, das ich schon damals nicht zu deuten gewusst hatte.
»Dachte ich es mir doch«, sagte er statt einer Begrüßung. Er war noch nie ein Mensch für Begrüßungsfloskeln gewesen. Damals hatte er auch schon immer einfach mit einer Unterhaltung begonnen. Ohne »Hallo«, ohne »Wie geht’s« ohne wenigstens »Hi« zu sagen.
Und natürlich starteten wir auch jetzt einfach eine Unterhaltung.
Und natürlich hatte auch jetzt die Unterhaltung einen Unterton, eine Vibration, die in Büchern immer als »Knistern« beschrieben wird. Es knisterte nicht. Der Wind pfiff kalt und ich fror, verschwitzt vom Aufstieg, wie ich war. Normalerweise hätte ich mir schon längst eine Jacke angezogen. Am Gipfel war es immer kalt. Doch vor ihm würde ich das nicht zugeben. Ich zwang meinen Körper sogar dazu, die Gänsehaut zu unterdrücken.
Es knisterte nicht, aber irgendetwas war da zwischen uns, als hätte es die letzten 6 Jahre der Entfernung nicht gegeben.
Es dauerte nicht lange, bis er das Gespräch auf damals lenkte.
»Du warst mir zu gefährlich«, sagte er schlicht.
Als sprach er nicht von mir, sondern von einem Drogendealer, einem Menschen, der Waffen zuhause hatte, der einen schlechten Einfluss hatte. Ich tat nichts davon. Ich war nichts davon.
»Gefährlich klingt gut«, entgegnete ich. »Besser als nett
Er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und hob unbeeindruckt die Augenbrauen. »Böse kann ich mittlerweile auch.«
Ich sah ihn nicht an, sondern ließ meinen Blick auf die umliegenden Berggipfel geheftet. »Das ist nicht das Gleiche. Für die Bösen bin ich gefährlich.«

4 Wünsche

Meine Geburtstagskerzen hebe ich auf, ein ganzes Jahr lang, und an manchen Tagen, da zünde ich sie alle an und puste sie alle aus und auch wenn ein Lungenfunktionstest ein Kindergartenspiel ist im Vergleich zum Kerzenauspusten, ich kann nicht aufhören, ehe nicht alle rauchen und nicht mehr flackern.
Ganze Nächte verbringe ich auf dem Rücken liegend auf dem Balkon und warte auf Sternschnuppen. Sobald ich ein Flugzeug sehe, blinzele ich, damit ich es als fallenden Stern oder als Kometen oder als was auch immer Sternschnuppen eigentlich sind ausgeben kann.
Ich suche fanatisch nach Wimpern und puste sie mir von Zeigefingern und manchmal gehe ich geschminkt ins Bett, weil davon angeblich die Wimpern ausfallen und dann könnte ich mehr pusten und mehr wünschen.
Bis heute weiß ich nicht, wie eine Wunderlampe aussieht, doch jede Lampe, jede seltsam geformte Teekanne, die auch als Wunderlampe durchgehen könnte, muss ich anfassen, vorsichtig reiben und abwarten, ob nicht doch ein Dschinn herauskommt.

1 Wunsch wäre schön. 2 Wünsche wären genug. 3 Wünsche machen mich glücklich. Und doch hoffe ich insgeheim auf 4.
Dich.
Mich.
Dazwischen ein Und.
Dahinter ein Immer.

Mut waschen

„Ich habe mal gelesen“, beginne ich, obwohl ich weiß, dass 90 % meiner Sätze so beginnen, „dass man seinen Mut regelmäßig waschen muss. Dass er sonst dreckig wird und schwerfällig.“
Erst sieht sie verwirrt aus, dann missmutig, weil sie immer missmutig wird, wenn sie etwas nicht versteht oder wenn ihr etwas zu philosophisch wird. Dann jedoch grinst sie breit. „Ich wasche meinen Mut am gründlichsten mit Alkohol“, sagt sie und bestellt die nächste Runde.
Als wir anstoßen, sieht uns Ayoub – Gaststudent aus Ägypten, einigermaßen religiös – überrascht an. Sein Blick sagt entweder „Euer Ernst!?“ oder „Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“. Vielleicht auch beides.
Ich proste auch ihm zu. „Welcome to Western Civilization!“

Warten

Geduld gehörte nicht zu ihren Stärken. Hatte es noch nie.

Und doch saß sie jetzt seit 3 Stunden in diesem Zug. Ohne Buch. Ohne Gespräch. Ohne Handy. Ohne auch nur aus dem Fenster zu sehen. Ohne irgendeine Art von Beschäftigung. Und wartete.

Worauf?

Klar, aufs Ankommen. Aber war man denn jemals vollständig angekommen, nur weil man einen Ort erreicht hatte?
Sie wartete viel mehr darauf, dass die Zeit verging. Der Tag heute würde ihr nichts mehr bringen. Der morgen vermutlich auch nicht. Wenn aber genug Zeit verging, würde es vielleicht besser werden.
Und darauf wartete sie eigentlich: Dass es besser wurde.

Vielleicht hätte man ihr damals, als man ihr sagte, dass Geduld wichtig ist, auch erklären müssen, dass Warten allein selten etwas verändert.