Abrechnung mit einer griechischen Göttin

Ich bin das Orakel, das vor deine Haustür spuckt. Webe Worte zu Flüchen und trenne Fäden kurz nach deinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Du warst schon immer größer als ich. Wenn das Leben nur aus Wettbewerben bestände, du würdest sie alle gewinnen. Bist schneller als der Sieg, stärker als Atlas, der doch die ganze Welt trägt, mutiger als ich, selbst wenn ich die Schwester von Apollo wäre. Du wüsstest nicht einmal, wie man Furcht buchstabiert, wärest du nicht klüger als die Sonne hell. Dein Körper wie eine Statue, die Proportionen perfekter als Michelangelo sie jemals erschaffen könnte. Beherrscht alle Künste, beginnend bei der Musik, nicht endend mit der Liebe. Deine Haare wie Wellen, meine sind Schlangen. Doch ich versteinere nicht dich. Alles, worauf ich warte, ist der Grund für all das. Die einzige Person, die ich zu Stein verwandeln möchte. Und das bist nicht du. Werfe Würfel und sehe, dass Gefühle keinem Wettbewerb standhalten, auch keinem göttlichen. Verliere im Neid. Unentschieden in der Gunst. Denn Göttinnen müssen tun, was Göttinnen nunmal tun. Stark sein. Die Götter stürzen. Gemeinsam.

Augenmaß

Du sagst, meine Bilderrahmen hängen schief und der Kalender auch. Das stört dich so sehr, dass du nicht einmal merkst, dass er den falschen Monat zeigt. Im falschen Jahr. Du fragst, ob ich nicht vernünftig messe. Ich antworte, dass ich nie etwas abmesse. Ich behaupte, dass ich nicht einmal einen Meterstab besitze. Beides ist gelogen. Ich messe den ganzen Tag. Den Abstand zwischen dir und mir. Ich messe die Sekunden mit dir. Und jedem Satz von dir Bedeutung bei. Ich weiß, dass dein Augenmaß genauer ist als meines je sein könnte. Du sprichst so oft von deinem Inneren Monk, dass ich ihn manchmal direkt anspreche. Versehentlich. Mit voller Absicht. Wenn ich meine Bilderrahmen schief hängen lasse, damit du mich das nächste Mal wieder darauf hinweisen kannst. Es ist wie ein Spiel. Von dessen Existenz nur eine Person weiß. Somit kann nur eine Person gewinnen. Oder nur eine Person verlieren. Ich erkenne selbst mit schlechtem Augenmaß, dass das nur schiefgehen kann. Aber ich mag es schief.

Bewaffnete Töchter

Fragt uns Mädchen nicht
nach unseren langen Beinen
in kurzen Röcken
in hohen Schuhen,
wir rennen schneller
als ihr
wir rennen
hinter euch her,
aber nicht so
wie ihr hofft,
sondern so
wie unsere Mütter
es uns beibrachten.
Wir überrennen euch
und überholen euch
und halten nur an,
um uns das Blut abzuwischen
von Schuhen oder
von nackten Beinen.
Wir haben keine Angst vor euch,
wir haben keine Angst vor Blut,
wir bluten mehr als ihr,
wir rennen mehr als ihr,
wir sind mehr als ihr.

Die Einsamkeit trägt deinen Namen

Ich lasse jedes Licht in jedem Raum brennen, als könnte ich mich selbst austricksen, damit ich glaube, du wärst noch immer da. Ich lasse den Fernseher laufen, lauter als ich sollte, damit ich immer jemanden sprechen höre, und wenn es nur Werbung ist für ein Auto, das ich nicht brauche. An manchen Tagen schaffe ich es, die Fenster zu öffnen, die Luft ist noch zu kalt, ernüchternd, schockierend, ein kleines Lebenszeichen womöglich. Die Nudeln reichen noch immer für zwei. Tage. Nicht Menschen. Die Spülmaschine wird nicht mehr voll, Geschirr von mir allein, von einer Person, die es nicht schafft, regelmäßig zu essen, regelmäßig Beruhigungstee zu trinken, regelmäßig benutztes Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, anstatt es überall einfach stehen zu lassen. Ich wundere mich, dass noch kein Teller, kein Glas, noch gar nichts zerbrochen ist, obwohl ich meist blind bin vor Tränen. Scherben bringen Glück, vielleicht ist mir selbst dieses Glück verwehrt. Manchmal gehe ich einkaufen, doch die Auswahl lähmt mich und meistens sind es nur Weintrauben (die hast du mir an meinen schlimmsten Tagen mitgebracht. Weil sie keine Zubereitung brauchen. Weil sie süß sind, aber gesünder als Schokolade). Und Schokolade. Und Nudeln. Und mindestens zwei dieser Gläser mit Gemüsebrühenpulver, weil Suppe doch helfen soll beim Heilen. Ich versuche es mit diesem Heilen, vielleicht klappt es irgendwann, doch im Moment bin ich nur Leid und Einsamkeit.

Hinter verschlossenen Türen

Du fragst dich, ob man manche Räume betreten kann durch verschlossene Türen. Ob man manche Flüsse überqueren kann auf niedergebrannten Brücken. Das kommt davon, wenn man ohne Plan B lebt, leichtsinnig und rücksichtslos, sage ich und meine eigentlich, dass eine Entschuldigung nicht ausreicht. Und meine eigentlich, dass ich sie annehmen möchte, aber nicht annehmen möchte.
Du denkst nicht an einen Plan B oder an ein bisschen Mühe, stattdessen drehst du dich um und gehst. Während ich auf das Fenster deute und auf das Boot. Doch du bist schon längst weg.
Hinter verschlossenen Türen lebt es sich sicherer.

Dann vielleicht.

Du wartest auf die Revolution wie aufs Wochenende an einem Mittwoch. Und wenn es dann soweit ist, bist du zu beschäftigt, um mitzumachen. Außer, sie klingelt vorsichtig an deiner Haustür. Dann vielleicht. Du trinkst deinen Kaffee grundsätzlich schwarz, als wäre das ein Statement und keine Frage von Vorlieben und individuellem Geschmack. Am liebsten siehst du etwas brennen, doch das einzige, das du anzündest, sind deine Zigaretten. Außer, jemand anders beginnt mit Autoreifen. Dann vielleicht. Das Wort »radikal« sprichst du mit einer Zärtlichkeit aus, als wäre es so fragil wie dein Ego. Sprühst Graffiti auf die Berliner Mauer und wartest auf die Polizei, damit du »ACAB!« rufen kannst, doch keiner kommt, in Wirklichkeit traust du dich nicht einmal, Farbe im Baumarkt zu kaufen. Liebst das Wort »Parolen«, doch wann immer du welche rufen solltest, bist du heiser. Vom Rauchen oder von der Feigheit oder von der Tatsache, dass du nicht für die Revolution gemacht bist.
Niemand ist für die Revolution gemacht, doch es gibt Menschen, die werden die Revolution. Du gehörst nicht dazu. Außer, die Revolution kommt wirklich. Dann vielleicht.

Autoradio

Als Beifahrerin war ich schon immer für die Musik zuständig. Doch inzwischen gefällt dir meine Musik nicht mehr. »Irgendwie hörst du nur noch so komisches Zeug«, hast du gesagt. Es klang wie ein Vorwurf und vermutlich sollte es auch genau das sein. Das war vor vier Monaten, wir hören jetzt nur noch Radio im Auto, auch wenn ich die viele Werbung und das Gelaber hasse. Die Situation zwischen uns hat sich seitdem nicht verbessert. Im Gegenteil. Beinahe jedes unserer Gespräche endet mittlerweile in Streit. Nicht in dieser Art von Streit, bei der man sich anschreit. Sondern die nervenzehrende Art von Streit, mit kleinen Sticheleien, gerümpften Nasen, zu viel Sarkasmus und noch mehr Schweigen.
Wie auch jetzt, ich starre aus dem Fenster und drehe demonstrativ das Autoradio lauter, nicht, damit wir zusammen mitgröhlen können wie früher, sondern um nicht mehr mit dir sprechen zu müssen. Und das sagt mehr aus, als es meine Worte jemals könnten. Vielleicht schweigen wir deshalb immer mehr miteinander.
Umso überraschter bin ich, als du kurzerhand das Radio ausschaltest. Die plötzliche Stille irritiert mich. Wir hören nur noch den leichten Regen auf der Windschutzscheibe und manchmal den Scheibenwischer und manchmal das zufriedenstellende und gleichzeitig beunruhigende Geräusch, wenn du durch eine Pfütze fährst.
»Das Schweigen darf nicht weitergehen«, sagst du schließlich in diese Stille hinein.
Ich weiß, dass du recht hast, doch ich fürchte mich so sehr vor diesem Gespräch, dass ich mir von ganzem Herzen wünsche, dein Radio würde sich von selbst wieder einschalten.

Eine unvollständige Liste an Dingen, für die es sich aufzustehen lohnt

Sonne auf der Haut
Der Geruch von Sonnencreme
Mit offenem Fenster Autofahren
Wolkenformationen
Das Lachen der besten Freundin
Zu Musik in voller Lautstärke mitgröhlen
Jemanden küssen
Jemanden sagen, wie sehr man sie mag
Das Geräusch von Regentropfen auf der Fensterscheibe
Sonnenaufgänge
Sonnenuntergänge
Vogelschwärmen zuschauen
Das Lieblingslied in Dauerschleife hören
Lachfalten zählen
Tee und Schokolade
Die Freundinnen mit Farben vergleichen
Die Muster, wenn die Sonne durch den Rollladen scheint
Meeresrauschen
Listen aufstellen
Barfuß laufen
Der Geruch von frisch gemähtem Rasen
Bücher und Geschichten
Die Aussicht von einem Berggipfel

Willkommen zurück

Auf der Liste der Dinge, die ich nicht vermisst habe, stehst du ganz oben.
Ich steige aus dem Auto, und die erste Person, die ich sehe, bist du. Es hilft nicht, dass du ganz hinten stehst. Dass fünf oder sechs oder acht oder zehn andere Menschen auch dastehen. Meine beste Freundin. Meine Mutter. Mein Blick fällt sofort auf dich. Was mein Herz da veranstaltet, kann ich nicht in Worte fassen. Stolpern? Hüpfen? Aussetzen? Was mein Magen veranstaltet, kann ich jedoch gleich beschreiben: er rebelliert. Mir wird kotzübel, und ich bereue es, dass ich während der vierstündigen Fahrt so viel gegessen habe. Die Schokolinsen wollen sich eine Weg an die Luft bahnen, aber ich schlucke und schlucke und knalle die Autotür zu und schaue dir in die Augen und gehe auf dich zu. Gut, dass noch andere Menschen da sind, sieben andere Menschen, die zwischen dir und mir stehen, die mich in den Arm nehmen, Fragen stellen, aufgeregt sind. Ich freue mich mit, umarme zurück, sage »nee, hab nur einmal kurz im Stau gestanden« und »schön, wieder hier zu sein« und »klar hab ich euch das sonnige Wetter mitgebracht«. Sieben Menschen sind nicht viel, wenn nicht einmal dreihundersechsundachtzig Kilometer gereicht haben, um genug Distanz zwischen uns zu bringen. Ich blicke auf den noch immer kaputten Gartenzaun der Nachbarn, ich blicke zu den Tauben, die auf dem Scheunendach sitzen, ich blicke auf meine Schuhspitzen, ich blicke überallhin, nur nicht zu dir, doch das lässt dich nicht verschwinden.
Du stehst vor mir, ich will es beiläufig wirken lassen, wie ich dich kurz umarme, während alle um mich herum nichts zu bemerken scheinen. Dass ich mich neben dir immer so klein gefühlt habe, liegt nicht nur daran, dass ich den Kopf in den Nacken legen muss, um dein Gesicht sehen zu können. Ich lege den Kopf nicht in den Nacken, aber ich schließe die Augen und ich atme tief ein und ich antworte auf keine Frage mehr, denn ich höre nur »willkommen zurück«, als wäre es eine Liebeserklärung.
Auf der Liste der Dinge, die ich vermisst habe, stehst du ganz oben.

Aschenbecherherz

Letzte Woche bin ich zum ersten Mal an deiner Wohnung vorbeigefahren, ohne zu sehen, ob bei dir Licht brennt.
Wenn ein blauer Ford Focus meine Straße entlangfährt, schaue ich nicht mehr auf das Kennzeichen, in der Hoffnung, deines zu sehen. Ich gehe davon aus, dass es der Nachbar ist, so wie er es die letzten drei Monate auch schon war.
Ich gehe wieder ungeschminkt zum Einkaufen, die Wahrscheinlichkeit, dich dort zu treffen ist verschwindend gering, und falls doch, dann kannst du meine Pickel sehen, I don’t care.
»I don’t care« sage ich mir jetzt immer, wenn meine Gewohnheit mich von einer Tätigkeit abhalten möchte, weil die Möglichkeit besteht, dadurch eine zufällige Begegnung mit dir zu verpassen. »I don’t care« sage ich mir jetzt immer, wenn meine Gewohnheit mich etwas tun lassen will, weil die Möglichkeit besteht, dir dadurch zufällig zu begegnen.
Die letzte Freundin, die zu mir sagte: »Du musst ihm zeigen, was er verpasst hat«, ist nicht mehr meine Freundin. Du wirst nie kapieren, was du verpasst hast. Du wolltest es nicht kapieren.
Trotzdem arbeite ich weiter an meinem Sixpack, weil dich das so beeindruckt hat. Ich meine: Weil ich mir selbst beweisen will, dass ich es kann.
Trotzdem lerne ich weiter Spanisch, weil ich damit deiner Mutter eine Freude machen kann. Ich meine: Weil das eine nützliche Fremdsprache ist.
Trotzdem kann ich noch immer nicht ›Ashtray Heart‹ hören, Weil ich an den verdammten Aschenbecher auf deinem verdammten Küchentisch denken muss, der immer voll war, obwohl du behauptet hast, du würdest nicht mehr rauchen, und den ich bei deinen letzten Worten angestarrt habe. Weil es dieses verdammte Lied war, an das ich gedacht habe, anstatt deinen dummen Worten zuzuhören.