Anspruchsvoll

»Er hat mir Blumen mitgebracht«, sagst du mit einem Glänzen in den Augen als würdest du von deinem zukünftigen Ehemann sprechen. Wer weiß, womöglich tust du das ja auch.
Doch ich war nicht beeindruckt. »Was helfen dir bitte Blumen?«
Du weißt, wie unromantisch ich bin. Also zählst du auf: »Es sind keine Rosen. Na gut, nur ein paar. Aber auch andere schöne Blumen! So bunt! Und außerdem, ich habe letztens mal erwähnt, dass ich keine Lust mehr auf den Winter hab und die bunten Blumen vermisse. Das hat er sich gemerkt.«
»Okay, das ist ja schon mal was«, gebe ich zu. Ich will auf keinen Fall, dass du denkst, ich hätte etwas gegen ihn. Ich kenne ihn ja nicht. Ich bin nur vorsichtig. Wir haben noch immer viel zu geringe Ansprüche. Wir lassen uns noch immer viel zu leicht um den Finger wickeln. Von Blumen! Bitte!
»Woher hat er die überhaupt?«, frage ich aus Mangel an zielführenden Fragen, die nicht zu böse wirken.
Du grinst. »Von der Tankstelle.«
Das ist schon eher meine Art der Romantik. Ich nicke anerkennend.
Beinahe beflügelt von diesem Zugeständnis erzählst du weiter: »Er hat morgens die Spülmaschine ausgeräumt. Einfach so.«
»Das ist ja wohl gewöhnlicher Anstand. Jeder sollte das tun«, sage ich unbeeindruckt. Du kannst das nicht leugnen. Warum machen wir Ausnahmen für Menschen, die wir gerne als unseren Partner hätten?
Du willst dir deine Verliebtheit aber nicht von mir vermiesen lassen. »Er hat beim Filmschauen die ganze Zeit meine Hand gehalten. Er hört mir zu, wenn ich von meiner Arbeit erzähle – und wir wissen beide, dass die stinklangweilig ist. Zumindest für Außenstehende. Er hat mir meinen Wasserhahn repariert, bloß weil ich mal gemeint habe, dass der manchmal so gluckert. Er interessiert sich für den Hund meiner Eltern. Er sagt mir ständig, wie sehr es ihn freut, mich getroffen zu haben.«
»Das ist alles schön und gut«, unterbreche ich deinen Redeschwall, »aber das ist das absolute Minimum. Das sollte selbstverständlich sein, wenn man sich für einen Menschen interessiert. Das ist nichts, womit man uns beeindrucken kann.«
Du verdrehst die Augen. »Er fragt, wann er meine Freundinnen kennenlernen darf. Dich stell ich ihm nicht vor.« Du weißt, dass ich recht habe, ich weiß, dass du recht hast. Wir grinsen uns an. Weil unsere Freundschaft jede Beziehung und jede Romantik und jeden Herzschmerz überstehen wird.

Hinterland in Weiß

Ihr wünscht euch Schnee, als wäre es etwas Schönes. Ich lese etwas von »zarten Schneeflocken«, höre »Winterwunderland«, lass mir sagen »sei doch froh«.
Ich kann nichts Zartes erkennen, an der Last von 50 cm Neuschnee, an der Gewalt, mit der man ihn vom Fenster brechen muss (nur um statt Tageslicht eine Unendlichkeit an Weiß zu sehen), an dem Gewicht, das man von Dächern schaufeln muss, an der Gefahr von Schneeverwehungen, die größer sind als mein Auto, an nicht befahrbaren Straßen, die man aber befahren muss, weil man irgendwann zum Arzt muss, weil man irgendwann zur Arbeit muss, weil man sich irgendwann um jemanden kümmern muss. Und das alles ist so viele Kilometer weit weg. So viele Kilometer entfernt von funktionierenden Winterdiensten. Von Mitfahrgelegenheiten. Von öffentlichen Verkehrsmitteln. (Ich weiß nicht einmal, was das ist, außer ein Schulbus, der früher zweimal täglich fuhr, seit Homeschooling gar nicht mehr.)
Ich kann nichts Wundervolles erkennen, an diesem Weiß, an der Gefahr, an der Angst, an der Kälte, an der Last.
Ich kann nicht froh sein über dieses weiße Gefängnis, über die Gefahr, über die Angst, über die Kälte, über die Last.
Bevor ihr in euren Großstädten mit Regen statt Schnee, mit S-Bahnen statt unbefahrbaren Straßen und nicht auffindbaren Autos, mit Winterdienst statt Schneeschaufel, bevor ihr mir also vorschreibt, was ich zu fühlen habt, kommt und hört zu und seht an und seid ihr doch froh.

Flaschenpost

Ich habe deinen Namen ins Wasser geworfen. In einen Fluss, der alles wegschwemmt. Fort von mir. Deinen Namen zusammen mit all den Erinnerungen an dich. Den guten und den schlechten, denn selbst die schlechten werden irgendwann zu guten. Romantik nennt sich das vermutlich. Oder Dummheit? Oder Lüge? Oder ist das diese Nostalgie?
Ich habe all das zusammengepresst, verbunden, verschraubt, verkorkt, eine Flaschenpost an Erinnerungen, eine Flaschenpost an Gefühlen, die nicht sein sollen.

Das Ist Wohl Die Einzige Art Von Liebeserklärung, Die Ich Zustande Bringe

Ich sitze auf der Terrasse meiner Eltern und umarme meine Knie, weil sie so zittern. Wegen Golf. Von wegen.
Du sagst, das ist nicht normal.
Du sagst, ich sollte mit jemandem darüber sprechen. Ich spreche nicht einmal mit dir darüber.
Ich weine darüber, ich weinte so oft und tue es immer noch, und immerhin sind wir jetzt so weit, dass ich mich nicht mehr im Schlafzimmer einsperre, und immerhin sind wir jetzt so weit, dass du mich in den Arm nehmen kannst, und immerhin sind wir jetzt so weit, dass ich weiß, dass du leise und hartnäckig bei mir bleibst.
Es brauchte mehr als eine Beinahe-Katastrophe, es brauchte Regen in Kanada und ein Desaster, es brauchte mehr Tränen als Regen in Kanada, and here we are, ich weine noch immer, das ist nicht normal, immer noch nicht, doch ich umarme nicht mehr nur meine Knie, sondern auch dich und du umarmst mich, und ich kann mir vorstellen, das in fünfeinhalb Jahren noch immer zu tun und in fünfzigeinhalb auch.

Entschuldigung

»Entschuldigung«, sagst du, »darf ich kurz an dir vorbei?« In Zeiten von Social Distancing eine angebrachte Frage, doch in unserem Fall vollkommen überflüssig, du sitzt den dritten Abend in Folge in unserer Küche. Als würdest du dich langsam einleben. Als würdest du dazugehören. Viel zu nah bei mir. So nah, dass es schmerzt. Alles schmerzt, wenn ich dich sehe. Wissen darf es aber keiner. Nur du weißt es. Doch wir haben diesen Pakt geschlossen, unausgesprochen. Niemand soll etwas merken. (Als wäre es mir nicht ins Gesicht geschrieben.)
Ich war schon zur Seite gerückt, als du vom Stuhl aufgestanden bist. Eigentlich war ich schon zur Seite gerückt, als ich gesehen habe, dass deine Bierflasche leer ist. Immer einen Schritt voraus. Innerlich war ich schon zur Seite gerückt, als du vorhin schon wieder vor der Tür gestanden und mir nur ein entschuldigendes Lächeln zugeworfen hast. Meine Vernunft zwingt mich zum Zur-Seite-Rücken, auch wenn mein Herz immer noch weiter zu dir rücken möchte.
Du holst dir nochmal ein Bier. Ich würde gerne sagen, ich weiß nicht, dein wievieltes es ist, aber ich weiß es genau. Eigentlich will ich nur kurz in dein Gesicht blicken, um zu prüfen, wie betrunken du bist. Das hört man dir nicht an der Stimme an, man sieht es an deinen Augen und an deinen Mundwinkeln. Doch du bemerkst meinen prüfenden Blick. Ganz kurz schaust du betreten zu der kalten Bierflasche in deiner Hand. Dann sagst du: »Sorry, ich bring euch morgen was mit.«
Du entschuldigst dich noch immer für die falschen Dinge.

Dezemberwärme

Sitze da und frage mich, ob die Sonne denn jetzt bleibt, jetzt, da der kürzeste Tag vorbei ist und die längste Nacht ebenfalls. Verschließe die Augen vor dem Kalender. Verschränke die Arme, damit niemand meine Gänsehaut sieht, weil nordseitig noch immer Schnee liegt.
»Es ist Dezember«, sagst du, als dürfe man in bestimmten Monaten kein Verlangen nach Wärme haben.
Ich zieh mir einen Wollpullover über.

Blutige Hände

Löcher in meinem Herz. Tränen auf meinen Lippen. Blut unter meinen Fingernägeln.
Ich trocken Rosen vor Trauer. Ich trockne Rosen für Hexen. Wer glaubt noch an Zauberei? Ich denke nur an Magie. Handlinien lesen, Teeblätter deuten, in Glaskugeln blicken.
Glaskugeln wie das Auge Saurons. Gehe direkt nach Mordor. Die Hölle ist ein Ort der Angst. Die Hölle ist ein Ort, wo Gefühle nicht enden wollen. Die Hölle ist ein Ort ohne Gefühle. Der Himmel ist ein Ort ohne Gefühle.
Wenn der Mond heller scheint als meine Angst. Sterne sind nur optional. Bis ich meinen Kopf in den Nacken lege und zu zitieren beginne.
Steinbock. Aszendent Skorpion. Irgendwann an Neumond.
Es tut mir so leid, dass ich noch immer stehe. Trotz Blut an den Händen. Blut heilt alle Wunden. Heute auch gebrochene Herzen.
Ich habe aufgehört zu singen. Das ist mein größtes Verbrechen.
You sent me to hell but I came back singing.
Ich meine nicht mehr dich, wenn du dich angesprochen fühlst. Ich meine mich und all die anderen Menschen, die Gefühle haben. Gefühle und Leid. In einem Atemzug.
In der Hölle wird nicht mehr gesungen, seit ich ihnen die Lieder gestohlen habe. Wir singen im Hier und Jetzt. Auf Erden. Im gefühllosen, gefühlvollen Himmel. Ich geh zurück in die Hölle. Blutige Hände sind dort willkommen.

Ich will dich. (Nicht.)

Ich will, dass du sagst: »Ich liebe deine langen Beine«, und ich will es gleichzeitig nicht hören wollen. Ich will, dass du mich angrinst mit diesen wunderschönen Grübchen, und ich will es gleichzeitig nicht sehen wollen. Ich will deinen Geruch nach Lagerfeuer und Aloe Vera und neuer Heimat, und ich will es gleichzeitig nicht riechen wollen. Ich will deine Lippen auf meinen Fingern, meinem Schlüsselbein, meinem Mund, und ich will es gleichzeitig nicht spüren wollen. Ich will meine Lippen auf deinen Schultern, deinem Hals, deinem Mund, und ich will es gleichzeitig nicht schmecken wollen.
Ich will dich. Nicht. (Ich will dich nicht wollen.)

Ich bin nicht nachtragend. Ich habe nur ein gutes Gedächtnis.

Wenn sie sich ihre Rache ausgemalt hatte, dann war es immer gewesen wie in Filmen. Sie hatte ihm in einer Bar, in der sie sich zufällig trafen, ein klebriges Getränk über den Kopf geleert. Sie hatte seiner neuen, unglaublich attraktiven Freundin Lügen über ihn erzählt (oder schlimmer noch: die Wahrheit), sodass diese ihn verlassen hatte. Sie hatte eine Botschaft in den Lack seines neuen, viel zu teuren Autos gekratzt.
Nicht sehr kreativ, nicht sehr würdevoll. Vermutlich hatte sie sich deswegen doch nicht an ihm gerächt. Noch nicht.
Denn jetzt stand er vor ihr, und jetzt hatte sie die Macht. Es war das erste Vorstellungsgespräch, das sie führte. Als sie vor zwei Wochen von der Personalreferentin die Bewerbungsunterlagen erhalten hatte, hatten ihre Mundwinkel nur kurz gezuckt, dann hatte sie genickt. Besagte Kollegin stand jetzt neben ihr und betrieb nichtsahnend Smalltalk, während er ihr immer wieder nervöse Blicke zuwarf.
Gut, dass man Herzrasen nicht hören konnte. Und nicht sehen.
»Es ist wichtig, dass du vorbereitet bist auf den Bewerber«, hatte das Personalbüro ihr gestern nochmal gesagt. Sie hatten ja keine Ahnung, wie gut sie vorbereitet war.
Sie gingen in einen dieser grauen, sterilen Besprechungsräume, in dem bereits plumpe Tassen und lauwarmer Filterkaffee bereitstanden. Noch immer ließ sie sich nichts anmerken, was ihn offensichtlich immer nervöser machte. Sie konnte eine Schweißperle an seiner Stirn erkennen. Und die Falten um seinen Mund, die er nur bekam, wenn er wütend war oder unsicher (was nicht oft vorgekommen war). Immer wieder richtete er den Kragen seines blütenweißen Hemds, das sie so oft für ihn gebügelt hatte. Sie fragte sich unwillkürlich, ob er das mittlerweile allein konnte.
Das Gespräch begann mit Smalltalk und seinem Versuch, die Personalreferentin um den Finger zu wickeln. Dafür hatte er solch ein Talent, es machte sie so wütend, dass sie das Gespräch wohl schneller zum Ende bringen musste, als sie eigentlich geplant hatte.
»Wir haben hier keinen Platz für solche Lügner«, unterbrach sie ihn. »Wir können das Gespräch beenden. Es tut mir nicht leid.« Er verstummte augenblicklich, mitten in einer egozentrischen Ausführung über seine heldenhaften Taten in seiner aktuellen Firma. Sein Gesicht verlor jegliche Farbe.
Er wischte seine verschwitzten Hände an der Hose ab. Setzte sein gewinnendes Lächelnd auf, als wäre er Herr der Lage. »Lass uns bitte professionell sein. Nicht nachtragend.«
Die Personalreferentin sah überrascht zwischen ihnen hin und her.
Sie konnte nicht anders, sie grinste. Solch eine Selbstzufriedenheit hatte sie noch nie verspürt. An das Gefühl könnte sie sich gewöhnen. »Ich bin nicht nachtragend. Ich habe nur ein gutes Gedächtnis.«