Schauspiel, In Dem Wir Endlich Das Sagen, Was Wir Schon Lange Sagen Wollten

Ich stehe schon wieder völlig neben mir. Oder über mir. Aber niemals hinter mir. Mehr, als würde ich das als Zuschauer beobachten. Ein Zuschauer in der hintersten Reihe, in sicherem Abstand zu dem Schauspiel, zu diesem unsäglichen Spektakel, das behauptet ein Menschenleben zu sein. Oder zwei Menschenleben, zusammengewürfelt, zusammengepresst, zusammengebunden. Irgendein Statist hat uns Klebeband gegeben und ein anderer hat uns eine Schere gegeben. Einer legt eine lange Schnur bereit, ein anderer ein Teppichmesser. Gefühlt zumindest. Jetzt können wir uns überlegen, was wir damit anfangen. Mit all diesen Requisiten, mit uns, mit diesem Schauspiel.
Ich beschließe, dass ich weder Klebeband noch Schnur möchte. Ich beschließe, dass ich weder Schere noch Teppichmesser benötige. Falls ich jemals zu einer Waffe greife, dann immer nur zu meinen Worten. Wenn ich eines gelernt habe in diesem Drama oder diesem Schauspiel, das wohl mein Leben ist, dann, dass Worte die beste Waffe sind.
Und jetzt ist endlich Schluss mit Lügen. Wenn du nur aufhören würdest zu schweigen. Schweigen ist die feigste Antwort auf alle Fragen. Weil es keine Antwort ist und die Ungewissheit unerträglich wird.
Such dir eine bessere Souffleuse, will ich schreien. Und tue es endlich auch.
Das Leben ist kein Schauspiel, schreist du zurück.
Ich wusste gar nicht, dass du schreien kannst, aber vielleicht wird es einfach höchste Zeit, dass wir die Wahrheit sagen. Dass endlich all das über unsere Lippen geht, was sonst nur durch unsere Köpfe ging. Im Kopf richtet es auch nicht weniger Schaden an als ausgesprochen, und ganz allgemein schadet die Wahrheit weniger als Lügen und sowieso weniger als Schweigen. Vor allem, wenn man nur Zuschauer ist.

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Balanceakt

Ein Balanceakt, ein Drahtseilakt,
auf wackligen Beinen,
mit verdammten zitternden Knien,
im einen Moment kurz vor dem Fall
in die bodenlose Tiefe,
dann: Gleichgewicht in letzter Sekunde,
Triumph und Stolz und Jubel,
nur um im nächsten Moment
erneut zu wanken
und irgendwann wirst du
f
a
l
l
e
n
und vielleicht hat die Tiefe keinen Boden,
aber Hände, die dich
a u f f a n g e n,
vielleicht sind es deine eigenen.

Unbewaffnet

Hier sitzt ihr nun, beim Frühstück mit Kaffee ohne Frühstück, weil du es schon wieder nicht schaffst, etwas zu essen. Weil schon wieder die Panik deinen Magen füllt.
»Wovor rennst du denn davon?«, fragt sie dich und du tust so, als hättest du keine Ahnung, wovon sie spricht.
»Ich renne nicht davon. Ich bin einfach beschäftigt.«
»Ich würde das davonrennen nennen.« Sie sieht dich abwartend an, wie du dich an deine Kaffeetasse klammerst, als könnte die dich retten. Vor Blicken, die dich durchbohren und in dich hineinsehen und ganz genau wissen, dass du davonrennst.
»Du könntest auch mal Pause machen«, schlägt sie vor.
»Aha.« Du hebst kritisch die Augenbrauen. Als wüsstest du nicht, dass sie recht hat. »Und was soll ich dann tun in dieser Pause?«
Sie lacht. »Nichts. Durchatmen.«
»Und als nächstes schlägst du vor, ich soll in mich gehen, oder was?« Dein Lachen ist spöttisch. Als wäre das so lustig. Haha. Ist es nicht. Das weißt du auch, doch Ironie und Spott sind auch nur zwei weitere Möglichkeiten, davonzurennen.
Sie kennt dich zu gut und sie sieht dir deine Angst und deine Panik an, nicht zuletzt, weil du dich beinahe nur noch von Kaffee ernährst und weil es deine Augen geradezu herausschreien.
»Wenn du in dich gehst, dann geh nicht unbewaffnet«, sagt sie und legt einen Stift zwischen euch.

Wetterbericht

„Der nächste Sturz, als würde mir meine Würde ein Bein stellen. Und ich falle immer aufs Gesicht.“ Du sagst das so ruhig, als wäre alles in Ordnung. Du siehst ihm sogar in die Augen. Ohne jegliche Anklage. Als würdest du ihm vom Wetterbericht erzählen. Dein Wetterbericht sagt: Niederschlag.
Er sieht dafür aus wie ein Tsunami. Oder das, was nach einem Tsunami übrig bleibt: Trauer.
„Sag bitte nicht sowas. Ich möchte nicht … Als wäre ich etwas Würdeloses … Du …“ Er sucht nach den passenden Worten wie nach Überlebenden in den Trümmern, und kann sie nicht finden.
Du schüttelst den Kopf. Klammerst dich an dir selbst fest. Dass deine Knöchel weiß hervorstehen, ist das einzige Indiz dafür, dass du nicht vom Wetterbericht sprichst. „Du bist nicht würdelos.“ Du schaffst es sogar, ihn anzulächeln. „Meine Gefühle zu dir sind es.“
„Gefühle sind nie würdelos“, widerspricht er dir. Denn sein Wetterbericht sagt etwas Anderes: Bewölkt. Mit sonnigen Abschnitten.

Viel zu schnell

Ich lebe viel zu schnell. Tanze in den Schatten von Pappelblättern im Wind. Und das will schon was heißen. Ein Schritt und ich stehe im Meer, wo die Wellen meine Schwestern werden. Ein weiterer Schritt und Alaska ist nur eine Armeslänge entfernt. Fahrtwind ist das Zeichen, das ich brauche, um zu wissen, dass ich lebe. Heule mit den Wölfen, die heute Nacht schwiegen. Aus Respekt oder aus Furcht oder aus Willkür vermag niemand zu sagen. Raben als Freunde oder Verbündete, weil Krähen nicht mehr genug sind, selbst wenn es ein ganzer Mord ist. Die Tage werden wieder kürzer und das Tageslicht reicht nicht mehr aus für mein Rennen. Also renne ich weiter in die Dunkelheit. Und ich renne weiter ins Meer. Und ich renne weiter auf den Abgrund zu. Denn zurück ist keine Option und Stillstand ist Rückschritt.

I just live here

Ich weiß nicht, warum sie zugestimmt hatte, als die Anderen vorschlugen, noch zu ihr zu gehen. Vielleicht war sie bereits zu betrunken. Vielleicht war sie zu optimistisch geworden, weil der Abend so gut verlaufen war. Vielleicht hatte sie es geschafft, ihre Sorgen und Probleme (und das Ausmaß des Chaos) einfach zu vergessen. Vielleicht war es ihr auch einfach egal. Jedenfalls gingen wir zu ihr und als sie den Schlüssel ins Schloss steckte, meinte ich, noch ein Zögern zu bemerken. Als wollte sie es sich anders überlegen. Oder die Anderen zumindest vorwarnen. („Ist etwas unordentlich bei mir“ oder so ähnlich.) Doch sie schwieg. Ich glaubte, sie atmete tief durch. Aber vielleicht täuschte ich mich da auch. Jedenfalls öffnete sie die Tür und wir betraten das größte Chaos, das ich jemals gesehen habe. Als hätte man eine Streichholzschachtel zu oft geschüttelt. Als wären Einbrecher am Werk gewesen. Als hätte jemand eine ganze Wohnung einmal auf den Kopf gestellt. Oder als würde jemand nicht damit klarkommen, alleine hier zu leben.
Die Anderen gingen vorsichtig von Raum zu Raum, stiegen über Jacken, die auf dem Boden lagen, über eine Pizzaschachtel, drei Flaschen Wasser, aufgestellt in Reih und Glied, über Aktenordner, halb zerknüllte Einkaufszettel und eine ganze Armada an Schuhen. Wir fanden uns alle wortlos in der Küche ein, wo überall Geschirr stand (das meiste immerhin gespült), dazwischen Einkäufe, Geschirrtücher, eine Mütze (warum?) und so viele Zettel, dass man drei Bücher damit hätte schreiben können.
Das Einzige, das irgendwie Normalität ausstrahlte, waren die Kräuter, die ich ihr vor 4 Monaten vorbeigebracht hatte, und die immer noch zum Trocknen hingen, als würden sie nicht längst beim nächsten Windstoß zu Staub zerfallen.
„Was ist hier passiert?“, wagte endlich jemand nach dem Grund für diese höllische Unordnung zu fragen.
Sie warf mir einen kurzen Blick zu und zuckte mit den Schultern. „Ich wohne hier.“ Es dauerte kurz, dann ergänzte sie, als würde das alles erklären: „Allein.“