Geistersommer // ohne Vernunft

Im Sommer öffne ich Fenster und Möglichkeiten, aber schließe Rollläden und die Vernunft. Hier gibt es nichts mehr zu holen. Mein Herz liegt brach. In diesen Sätzen stecken Lügen. Es fühlt sich nach Leichtigkeit an, weil wir Kleider tragen, so kurze Hosen, so viel Haut, Freibadpommes essen und Erdbeeren. Es ist aber eine schwere Mischung aus Nostalgie und Herzschmerz. Im Nachhinein jedenfalls. Doch bis das Nachhinein kommt, hören wir den Schwalben zu und lassen etwas fliegen, Seifenblasen, die nasse Wäsche auf der Leine, die in Minuten trocknet, oder aber unsere Herzen. Und damit unsere Vernunft.

Bienen

Verschlucke mich an deinem Namen,
als krabbelten Bienen über meine Zunge,
der Geschmack von Nektar,
bis in meine Lunge,
unterdrücke den Instinkt,
der mich zum Ausspucken zwingt,
Bienen sterben nach dem Stich,
doch eines bleibt:
Ich brauche dich. Nicht.

Was würdest du tun, wenn du den Mut dazu hättest?

Den Job kündigen. Studieren. Deinen Ex ohrfeigen. Und anzeigen. Zwei weitere Personen ohrfeigen. Eine Hauswand beschmieren, die ganze Wahrheit sagen, die Fragen stellen, die mich wirklich beschäftigen. Euch allen von meinen Panikattacken und den Antidepressiva erzählen. Auswandern. Und was viel wichtiger und viel schwieriger ist: wieder zurückkommen. Mich entschuldigen. Öfter nachfragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Auf Bäume klettern und auf den Denali. Aber zuerst auf die Trettach. Die Spinnen in meinem Schlafzimmer leben lassen. »Ich liebe dich« sagen, auch wenn ich nicht weiß, was die Antwort sein wird. Schreiben & schreien & schreiben. Und viel öfter weinen.

Die richtige Antwort

»Was soll ich nur tun?«, fragst du dich leise und fragst du die anderen laut.
Sie antworten mit: »Mach dir mal weniger Gedanken.«
Kopf, hörst du das? Mach dir mal weniger Gedanken. Hör doch mal auf mit dem, das du am besten kannst. Hör doch mal auf mit dem Im-Kreis-Drehen. Mit dem Sich-Sorgen-Machen. Mit all der Angst und Nervosität.
»Lavendel soll helfen«, sagen sie. Also tapezierst du dein Schlafzimmer mit Lavendel und dich mit dazu.
»Versuche es mit Meditation«, sagen sie. Also nutzt du die Stille der Meditation, um dir weiter Gedanken zu machen.
»Nimm ein Entspannungsbad«, sagen sie. Du badest nicht, vor Sorge, zu ertrinken. Du badest nicht. Außer in Selbstmitleid.
»Was soll ich nur tun?«, frage du dich leise und fragst du die anderen laut.
Die einzig richtige Antwort wäre: »Zur Therapie gehen.«

(Und 10 Monate später sitzt du im Wartezimmer und dann einer Ärztin gegenüber, und dann wird dir die Frage nicht gleich beantwortet, sondern dir werden Gegenfragen gestellt. Und vielleicht sind die Gegenfragen die richtige Antwort.)

Dinge an denen Gefühle haften

Ich kenne eine Person, die niemals Fotos von ihrem Handy löscht, niemals alte Nachrichten, Audios, Videos aussortiert. Ich kenne eine Person, die alte Einladungskarten in Schuhkartons sammelt, zusammen mit Glückwunschkarten und Eintrittskarten. Ich kenne eine Person, die in jedes Buch Notizen schreibt und die Bücher für immer aufhebt, im Dachboden, wo sie selten gefunden werden.
Ich kenne eine Person, die sich nicht trennen kann von Dingen, an denen Gefühle haften.
Als müsse man aus einem Leben ein Museum errichten.
Als ginge es im Leben darum, möglichst viele Erinnerungen zu sammeln.
Als wäre Vergessen eine Sünde oder ein Abgrund oder ein Planet, den man nie erreichen will, weil er unbewohnbar ist.
Ich bin diese Person.

Lassen uns Kiemen wachsen

Wir treffen uns am Strand oder in der Mitte des Ozeans oder auf den Schaumkronen von Wellen.
Lassen uns Flossen wachsen, kehren zurück ins Wasser.
Du warst schon immer Taucher. Nicht knapp unter der Oberfläche. In der Tiefe.
Dort, wo der Sauerstoff knapp wird. Dort, wo das Atmen schwerfällt.
Dort, wo die Tiefe ruft. Ich habe es gehört, wie ein Gurgeln, wie eine Sehnsucht.
Du hast den Ruf nie beantwortet, aber ignoriert hast du ihn auch nicht.
Wenn du noch länger deine Tränen schluckst, wirst du in ihnen ertrinken. Sage ich und warte auf Schwimmflossen.
Der Druck auf deiner Lunge wird größer, doch wenigstens verschwindet der Druck auf dein Herz.
Lassen uns Kiemen wachsen.
Ich nehme deine Hand, und wir schließen die Augen, und wir schwimmen nach oben, und wir atmen tief ein.

Das Gegenteil von Zielen

Ich habe mich nie als jemanden gesehen, die einen klassischen Lebenslauf haben will. Ich habe mich nie als jemanden gesehen, die Karriere macht, aber ich habe mich auch nie als jemanden gesehen, die eine Familie gründet. Ich habe mich nie als jemanden gesehen.
Ich bin nie bei all diesen großen Wettbewerben von Schulnoten, Freundeskreisen, Beziehungen, Jobs, Einkommen, Hochzeiten, Kindern mitgerannt, weil jeden Morgen aufzustehen mein größter Wettbewerb ist. Ich renne nicht, ich trete auf der Stelle in meinem Job, ich stolpere von Beziehung zu Beziehung, ich drehe mich im Kreis mit meinen Freunden.
Und langsam verpasse ich den Anschluss. Ich fühle mich, als würde ich ein Spiel verlieren, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich mitspiele.
Alle erreichen Ziele, die ich selbst gar nicht erreichen will, aber es sind halt trotzdem erreichte Ziele, während ich mich fühle, als würde ich stillstehen, denn ich weiß gar nicht, was meine Ziele sind. (Ich weiß nur, was nicht meine Ziele sind.)

Kein Liebesbrief

Das hier ist kein Liebesbrief, aber ich muss immer lächeln, wenn ich dich sehe. Irgendetwas passiert in meinem Brustkorb, als könnten meine Rippen plötzlich einen Menschen beherbergen. Du bist das schönste Gelb-Grün und ein bisschen wie ein Fragezeichen.
Das hier ist kein Liebesbrief, wenn dein Name auf dem Display auftaucht, wird nicht automatisch alles gut, aber es wird besser. Als könnten geschriebene Worte tatsächlich einen Unterschied machen. Du klingst als könnten auch gesprochene Worte einen Unterschied machen. Es gibt Stimmen, in die möchte man einziehen.
Das hier ist kein Liebesbrief, aber ich überdenke jedes geschriebene Wort, jedes gesprochene Wort, jede Geste und alles, was weggelassen wurde. Und auch wenn das eigentlich nach einem schlechten Zeichen klingt, es passiert nur bei Leuten, die wichtig sind.
Das hier ist kein Liebesbrief, aber womöglich nur, weil ich die Größe von Liebe noch immer nicht erfasst habe.

Was Wir Begraben Haben

Wage es nicht.
Wage es nicht, auf das zu sehen, was ich für uns hatte, und es »schwach« zu nennen.
Nicht, wenn du derjenige warst, der sich fürchtete.
Ich stand dort, mit meinen Händen geöffnet, meinem Mund geschwollen vom Flehen.
Wage es nicht, mich wie ein Opfer meiner eigenen Emotionen zu behandeln,
als wäre von der Liebe in die Knie gezwungen zu werden ein Fehler, den ich bereue.
Ich werde in mein Grab gehen mit der Erinnerung an die Tapferkeit in meinen Knochen.

[Caitlyn Siehl, ›What We Buried‹]