Licht an!

ON

Knips das Licht an. Lass die Lampen strahlen in allen Farben. Dazu kann man lesen. Sich endlich in die Augen sehen. Lass die Lampen blinken und leuchten. Dazu kann man tanzen, dazu kann man lachen. Wofür sind Lichtschalter schließlich da?
Oder Knips die Sonne an. Damit die Welt endlich heller wird. Dass Sonnenstrahlen überall kitzeln können, dass es Schattenspiele gibt, aber keine Trauerspiele. Versprüh ein wenig Serotonin.
Und zum Schluss:
Knips dein Lächeln an. Und lass die Trauer einmal nicht gewinnen.

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Jedes Ding bei seinem wahren Namen nennen – Teil 2

Die Magie des Waldes

Letztes Jahr – bei Band 1 – schrieb ich:
„Der Titel steht. Und die Selbstsicherheit wankt.“

Dieses Jahr – bei Band 2 – schreibe ich:
„Der Titel steht. Und die Veröffentlichung wankt.“

Eigentlich wollte ich diesen Monat Band 2 meiner Trilogie um Evanna Athos veröffentlichen. Dann, als das Buch eigentlich schon beinahe fertig lektoriert war, erkannte ich einen mittelschweren Fehler. Meine Testleser fanden es alle nicht so schlimm. Ich jedoch fand es umso schlimmer.
Das bedeutet nun, dass ich nochmal einiges überarbeiten (bzw. bestimmt mindestens 50 Seiten zusätzlich schreiben) muss.
Gut, dass ich sowieso kein Sommerkind bin. Denn den August werde ich jetzt vor meinem Laptop verbringen. Um euch hoffentlich im September dann stolz meinen 2. Band zeigen zu können. Der noch ein Stück spannender wird als Band 1… (Spoiler: Natürlich kommt auch Austin wieder vor!)

Genug aus dem Nähkästchen geplaudert.
Hier kommt der Titel (Trommelwirbel bitte!)

Evanna Athos und die Magie des Waldes

Vom Fehlen der Angst

Whisky

„Wie kommt es, dass du immer alleine bist? Dass du keine Freunde hast?“
Er hatte sich nun bereits zwei Stunden lang mit ihr unterhalten. Sie war interessant, freundlich, offen, aufmerksam und – wie er fand – überdurchschnittlich hübsch. Sie hatte bisher keine Macken gezeigt, keine abschreckenden Weltanschauungen geäußert. Und dennoch behauptete sie jetzt, dass sie keine Freunde hatte.
Sie zögerte kurz, als müsste sie überlegen, ob sie wirklich mit der Wahrheit herausrücken wollte.
„Weißt du“, setzte sie schließlich an „ich habe vor nichts Angst.“
Er wartete. Das war vielleicht eine ungewöhnliche Aussage, aber doch sicher keine Begründung.
Sie starrte angestrengt auf die Eiswürfel in ihrem Glas und fischte einen davon heraus. „Ich sage das nicht einfach so. Ich habe tatsächlich vor nichts Angst. Anfangs fasziniert das die meisten Menschen. Doch wenn sie mich dann einige Zeit kennen, ein paar mal mit mir unterwegs waren, sind sie nicht mehr fasziniert, sondern irritiert. Immerhin bin ich doch eigentlich nur ein ganz normaler Mensch. Und dann auch noch ein Mädchen.“ Sie schnaubte verächtlich. „Als wäre das ein Grund, um Angst zu haben. Viel zu viele Menschen verstecken sich hinter Ausreden. Und lassen sich bei jeder Entscheidung von Angst leiten. Angst vor dem Versagen. Angst vor Gewalt. Angst vor der Meinung anderer. Angst vor Verlust. Ich jedoch nicht.“
Sie beobachtete angestrengt, wie der  Eiswürfel zwischen ihren Fingern zu schmelzen begann. Leise sprach sie weiter: „Irgendwann werfen sie mir dann vor, dass ich verrückt bin. Lebensmüde. Absolut gefühlskalt.“
Ihr Blick richtete sich wieder auf ihn. Abwartend.
Er überlegte kurz, trank einen Schluck von seinem Whisky, überlegte nochmal. Endlich sagte er etwas. „Du hast also vor nichts Angst?“
Sie konnte seine Stimme nicht deuten, sie klang völlig neutral.
Beinahe entschuldigend schüttelte sie den Kopf.
Er zuckte mit den Schultern. „Was kümmert es mich, VOR was du Angst hast? Viel wichtiger ist doch, UM was du Angst hast. Das sagt viel mehr über dich aus. Darüber, was dir wichtig ist.“
Zuerst starrte sie ihn überrascht an. Dann breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus.

Leseprobe VI

Banner lang

Evanna Athos und die Zeiten der Macht ist nun seit über acht Monaten auf dem Markt. Erschreckend, wie die Zeit vergeht!
Für alle, die das Buch noch immer nicht gelesen haben (jetzt ist der Zeitpunkt, an dem das schlechte Gewissen an euch nagen sollte), habe ich in den letzten Wochen die ein oder andere Leseprobe veröffentlicht, um euch ordentlich neugierig zu machen.
Hier geht’s zur ersten Leseprobe, hier zur zweiten, hier zur dritten, hier zur vierten und hier zur vorangegangenen.
Und heute gibt’s die letzte Leseprobe…

(Bei diesen ganzen Online-Buchhändlern kann man die ersten Kapitel probelesen. Aber das kann ja wohl jeder. Für euch treue Blogleser habe ich Stellen mitten aus dem Buch.
Zur Erklärung: Evanna, ein typisches Strebermädchen, dessen Vater spurlos verschwand, geht mittlerweile in Angleridge, einem britischen Internat, zur Schule. Dort stellt sie aber schon bald fest, dass der Unterricht ganz anders ist, als in Deutschland. Irgendwann wird ihr das zu bunt und sie führt mitten im Unterricht eine hitzige Diskussion mit dem Rektor, Mr Severin. Der ist davon wenig begeistert und möchte sie abends in seinem Büro sprechen. Evanna befürchtet, dass sie nun von der Schule fliegt. Ausgerechnet jetzt, wo sie endlich Freunde gefunden hat. Bis sie zu Severin muss, verzieht sich Evanna in das letzte Eck von Angleridge, um von den anderen Schülern, die ihre Diskussion mitbekommen haben, in Ruhe gelassen zu werden.)

Da hörte Evanna wieder Schritte. Schritte, die schnell näher kamen. Sie hatte gerade noch Zeit das Buch hinter ihrem Rücken verschwinden zu lassen, als auch schon eine große Gestalt um die nächste Ecke gerauscht kam. Zu ihrer Erleichterung war es jedoch kein Lehrer, der auf sie zueilte. Es war Austin.
»Da bist du ja! Ich hab dich schon überall gesucht«, keuchte er und baute sich direkt vor ihr auf. »Ich muss dringend mit dir reden!« Dafür, dass er sie wochenlang komplett ignoriert hatte, wirkte er jetzt erstaunlich besorgt.
Evanna kniff die Augen zusammen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Ihr würde Mr Severin schon reichen, da brauchte sie nicht auch noch eine Standpauke von Austin. Vermutlich hatte er nur Angst, dass man ihn als Schülersprecher verantwortlich machen würde für ihr Verhalten.
»Muss das sein?«, fragte Evanna also wenig begeistert.
»Ja«, sagte er bestimmt. Er atmete noch immer heftig, als wäre er gerade vom anderen Ende der Schule her gerannt.
»Und wenn ich nicht mit dir reden möchte?« Ihre Stimme klang mutiger, als sie sich fühlte.
Er verdrehte die Augen: »Jetzt stell dich nicht so an, es ist wirklich dringend. Du musst schon um halb neun bei Mr Severin sein.«
»Ich weiß, danke fürs Erinnern«, gab Evanna schnippisch zurück. Als bräuchte sie Austins Hinweis.
Der Junge ignorierte ihren Tonfall. Er sah sie ernst an und sagte schließlich: »Ich möchte mich bei dir entschuldigen.«
Evanna stutzte. Von allen Dingen, die sie erwartet hatte, war das ungefähr das allerletzte gewesen.
»Und zwar dafür, dass ich dich unterschätzt habe. Du erinnerst dich noch an unser letztes Gespräch?«
Das Mädchen nickte. Als ob es Austins seltsames Verhalten vergessen hätte!
Austin fuhr fort: »Ja, natürlich. Da habe ich dir vorgeworfen, dass du einfach blind alles glaubst, was Lehrer sagen. Aber das tust du wohl doch nicht. Und dafür bin ich dir dankbar.«
Ungläubig starrte Evanna ihn an. Wollte er sich etwa über sie lustig machen? Sie wird höchstwahrscheinlich von der Schule fliegen und er bedankt sich dafür?
Falls das ein Scherz sein sollte, hatte er eine seltsame Art von Humor.
Austin fuhr fort: »Danke, dass du doch endlich die Wahrheit erkannt hast. Es hätte zwar bessere Möglichkeiten gegeben, das zu zeigen«, er seufzte »aber das kriegen wir schon hin…«
»Wovon redest du eigentlich?«, unterbrach Evanna ihn, völlig irritiert.
Aber er ignorierte ihre Frage.
»Das Wichtigste ist jetzt erst einmal, dass du dich nachher bei Severin entschuldigst. Sag, dass dich dieses Schulbuch verwirrt hat. Dass du in Deutschland jahrelang mit seltsamen Geschichten aufgewachsen bist. Und erst jetzt durch seine Erklärung ist dir bewusst geworden, was das doch für ein Schwachsinn war.«
Evanna sah ihn entgeistert an: »Was redest du da? Das, was wir in Deutschland gelernt haben, war kein Schwachsinn! Und ich werde es auch nicht behaupten. Ich werde mich für meine Unverschämtheit entschuldigen. Nicht mehr und nicht weniger.« Genau das war der Plan gewesen, den sich ihr Unterbewusstsein in den letzten Stunden zurechtgelegt hatte. »Aber ich werde nicht Tatsachen leugnen.«
Es überraschte sie, dass Austin einfach nur zu grinsen begann. Dann meinte er gönnerhaft: »Deine Sturheit gefällt mir. Aber vielleicht übertreibst du auch ein wenig. Denn nicht alles, was in dem Geschichtsbuch stand, war falsch. Die Tatsachen wurden nur so hingedreht, dass jeder Leser falsche Schlüsse ziehen muss.« Er sah sie ernst an. »Wahrheit ist immer relativ. Das solltest du dir merken. Und es sind immer die Sieger, die die Geschichte schreiben. Außer es sind schlechte Verlierer.«
Trotzig schob Evanna das Kinn vor. Sie hatte keine Ahnung wovon Austin sprach und sie hasste es, wenn sie etwas nicht verstand. Weil Austin keine Anstalten machte mehr zu erklären, beschloss sie, dass es ihr hier zu viel wurde: »Wenn du mich bitte entschuldigen würdest, ich gehe jetzt meinen Schulverweis abholen.«
Sie packte »Momo«, stand auf und wandte sich zum Gehen.
Doch Austin hielt sie zurück. »Severin wird dich auf keinen Fall von der Schule verweisen«, sagte er.
Evanna hielt inne. Ein Flämmchen Hoffnung keimte in ihr auf. Der Schülersprecher wusste über solche Dinge bestimmt besser Bescheid. Vielleicht hatte Mr Severin tatsächlich Nachsicht mit ihr und sie müsste nur nachsitzen.
Zögernd sah sie zu Austin auf: »Wird er nicht?«
»Wird er nicht«, bestätigte er. »Er wird ganz andere Dinge mit dir machen.«
»Und die wären?«
Austin schien angestrengt nachzudenken, als suche er nach den richtigen Worten. Dann sagte er schließlich, so ruhig, dass Evanna ihn beinahe nicht verstanden hätte: »Severin könnte dich einfach verschwinden lassen… Er könnte es mit dir machen, wie mit deinem Vater.«

Das war die letzte Leseprobe aus Band 1. Ich hoffe, ihr seid jetzt neugierig genug, um sofort in den nächsten Buchladen zu stürzen.
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Hasenherz & Löwenherz

Kaninchen

Ich bin ein hasenherziges Mädchen.
Mein Mut passt in einen Fingerhut.
Du empfiehlst mir, so zu tun als ob. Das ist fast so gut, als wäre ich es tatsächlich.
Aber alles, was ich schaffe, ist meine Rehaugen zu schließen, wenn die Angst mich übermannt.
Totstellen ist auch eine Art zu überleben, behaupte ich.
Angst ist dazu da, überwunden zu werden, behauptest du.
Mir fällt ein, dass du das auch über Mauern sagtest. Dabei pflegst du alle Mauern bedingungslos einzureißen.
Vielleicht sollte ich meinen Hasen also erschießen.
Und mir stattdessen einen Löwen zulegen.

Faustkampf

Faust

Du denkst mit deinen Fäusten
und öffnest nicht mal die Augen dafür.
Das ganze Leben ist ein Kampf,
den du mit deinen Muskeln gewinnst.
Deine zerschrammten Knöchel,
deine gebrochenen Rippen,
deine geschwollenen Lippen,
verbergen doch nicht
dein leeres Herz.
Schmerz auf Schmerz
als Antwort auf alle Fragen.
Als Antwort auf alles Fliehen.
Als Antwort auf alles Fühlen.

Leseprobe V

Banner lang

Evanna Athos und die Zeiten der Macht ist nun seit ziemlich genau einem halben Jahr auf dem Markt. Erschreckend, wie die Zeit vergeht!
Für alle, die das Buch noch immer nicht gelesen haben (jetzt ist der Zeitpunkt, an dem das schlechte Gewissen an euch nagen sollte), möchte ich in den nächsten Wochen die ein oder andere Leseprobe veröffentlichen, um euch ordentlich neugierig zu machen.
Hier geht’s zur ersten Leseprobe, hier zur zweiten, hier zur dritten und hier zur vorangegangenen.

(Bei diesen ganzen Online-Buchhändlern kann man die ersten Kapitel probelesen. Aber das kann ja wohl jeder. Für euch treue Blogleser habe ich eine Stelle mitten aus dem Buch. Zur Erklärung: Evanna, ein typisches Strebermädchen, dessen Vater spurlos verschwand, geht mittlerweile in Angleridge, einem britischen Internat, zur Schule. Dort stellt sie aber schon bald fest, dass der Unterricht ganz anders ist, als in Deutschland. Als sie dann eine absolut unlogische Stelle in einem Buch findet, beschließt sie, den Rektor darauf anzusprechen…)

Am nächsten Mittwoch ging sie gleich zu Beginn der Geschichtsstunde zum Lehrerpult. Obwohl sie schon in Deutschland oft genug mit Lehrern diskutiert hatte, schlug ihr das Herz doch bis zum Hals. Immerhin wollte sie hier nicht so sein, wie sie es in Deutschland gewesen war.
Ein Teil in ihr aber wollte die seltsamen Behauptungen in diesem Geschichtsbuch nicht hinnehmen. Etwas so Unlogisches konnte sie einfach nicht ignorieren.
Sie nahm also ihren ganzen Mut zusammen und zeigte dem irritiert wirkenden Mr Severin den Text.
Einige Schüler aus den ersten Reihen hörten neugierig zu, doch da sie das Buch nicht sahen, verstanden sie zunächst nicht, worüber Evanna mit dem Lehrer redete.
Mr Severin überflog die Stellen, die Evanna sich markiert hatte. Danach sah er sie geduldig mit seinen kleinen, wässrigen Augen an und fragte: »Und wo ist Ihr Problem, Miss Athos?«
Sofort fühlte sie sich entmutigt. Eigentlich hatte Evanna gehofft, er würde augenblicklich bemerken, dass da etwas nicht stimmen konnte. Zögernd begann sie zu erklären: »Na ja, wir haben in Deutschland immer gelernt, dass Mahatma Gandhi friedlich gekämpft hatte. Niemals hätte er seine Anhänger zu Gewalt aufgerufen. Und auch diese Behauptung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs… So schlecht geht es dem Land doch gar nicht. Im Gegenteil: Indien wird langsam aber sicher zu einer Industrienation.«
»Nein, Miss Athos«, widersprach Severin, »Sie können hier doch selbst lesen, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Jegliches wirtschaftliches Wachstum, das Indien heute noch erlebt, ist allein auf seine Zeit als britische Kolonie zurückzuführen. Dass Ihre Ausbildung in Deutschland wohl nicht die Beste war, haben Sie, Miss Athos, doch sicher selbst schon festgestellt.« Missbilligend schüttelte er den Kopf. »Und zuletzt muss ich an Ihre Logik appellieren. Es kann keinen friedlichen Kampf geben. Entweder man kämpft oder man ist friedlich.« Zufrieden mit seiner Erklärung lehnte sich der Rektor in seinem Stuhl zurück.
Evanna aber wollte nicht so schnell aufgeben – sie fühlte sich missverstanden: »Aber jeder weiß, dass Mahatma Gandhi ohne Gewalt gekämpft hat. Er trat in Hungerstreiks und organisierte Protestmärsche. Und hat so die Bevölkerung begeistert. Aber immer ohne Waffen. Dabei können unmöglich so viele Leute gestorben sein.«
Mittlerweile herrschte im Zimmer Totenstille. Die ganze Klasse hörte gespannt zu. Sie hatte es noch nie erlebt, dass jemand mit Mr Severin über ein Schulthema, das noch dazu klar und deutlich in einem Buch stand, diskutieren wollte.
Diese gespannte Aufmerksamkeit war auch Severin nicht entgangen. Bedrohlich langsam lehnte er sich wieder zu Evanna. »Bitte widersprechen Sie mir nicht, Miss Athos.« Seine Stimme war noch immer freundlich, doch seine Augen waren gefährlich klein geworden.
Davon ließ sich Evanna nicht unterkriegen. Sie hatte schon oft genug mit Lehrern diskutiert. »Ich habe dutzende Bücher gelesen, die alle das Gegenteil dieses Textes sagen. Gandhi war gegen Gewalt. Und Gandhi war und ist bis heute ein indischer Held!«, beharrte sie.
Der Rektor erwiderte kalt: »Nur weil Gandhi behauptete, dass er gegen Gewalt sei, heißt das noch lange nicht, dass er seinen Anhängern davon abgeraten hat. Miss Athos, es gibt einen großen Unterschied zwischen Worten und Taten. Und er hat dem indischen Volk mit seinem Kampf nichts Gutes getan. Sehen Sie diese Grafik?«
Er tippte auf ein Diagramm in dem Buch, auf dem die Anzahl der in Armut lebender Menschen in Indien dargestellt wurde. Seit 1948 wurden die Balken schlagartig immer höher.
Mr Severin fuhr fort: »Es gibt immer mehr in Armut lebende Menschen, was an dem völlig sinnfreien Kastensystem der Inder liegt. Als Indien noch zu Großbritannien gehörte, wurde ständig dagegen vorgegangen, aber…«
Evanna wollte ihn unterbrechen, doch er schnitt ihr sofort das Wort ab. »Bitte lassen Sie mich ausreden, Miss Athos.«
Ungeduldig hörte Evanna ihm zu, während er noch weiter darüber redete, wie gut es Indien während der britischen Herrschaft ergangen war, was Großbritannien alles für seine Kolonien getan hatte und wie schlecht es dem Land nun geht.
»Und das ist Gandhis Schuld«, schloss er endlich. Dieser Satz war keine einfache Belehrung mehr. Es war eine Tatsache, die Severin gerade mit jeder Silbe in Stein gemeißelt hatte.
Evanna wollte nicht glauben, was sie da hörte. Es konnte doch nicht sein, dass Mr Severin ernsthaft dem Buch recht gab. Sie begann erneut: »Aber es weiß doch jeder, dass…«
Der Rektor fuhr ihr unwirsch dazwischen: »Es weiß jeder, dass Gandhi nicht so unschuldig war, wie er immer tat. Und jetzt setzen Sie sich, Miss Athos.«
Ungläubig starrte Evanna ihn an. »Das ist doch…«
»Sofort!«
Evanna zuckte zusammen. Diese Diskussion war eindeutig beendet.
Sie ging geduckt wie ein geprügelter Hund zu ihrem Platz neben Mila. Alle Blicke folgten ihr.
Na super!, dachte sie frustriert. So viel zum Thema: Nicht auffallen.
Kaum war sie an ihrem Platz angekommen, zischte Mila: »Was sollte denn das werden?« In ihrer Aufregung war sie in einen starken russischen Akzent gefallen. Sie wirkte fast schon entsetzt.
Noch ehe Evanna antworten konnte, hörte sie Mr Severins Stimme: »Ihr Buch, Miss Athos.« Er hielt das Buch aus der Bibliothek in der Hand und wartete, dass sie umdrehte, um es sich zu holen. Doch ohne nachzudenken antwortete sie, mit einem leichten Beben in der Stimme: »Danke, aber das werde ich nicht mehr brauchen. Darin gibt es wohl einige Texte, die nicht stimmen.«
Die ganze Klasse hielt die Luft an. Alle Augen waren auf Evanna gerichtet. Man hätte hören können, wie Severins Schuppen auf seinen Pullover fallen.
Noch nie hatte es jemand gewagt, so unverschämt mit dem Rektor zu sprechen.
»Kommen Sie doch heute Abend in mein Büro, Miss Athos«, sagte der Lehrer endlich, mit einer so schmierig-freundlichen Stimme, dass Evanna Gänsehaut bekam.

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