Bitte, bitte

Du wirfst Knochen nach mir und eine ganze Handvoll Schweigen, das alles fliegt vorbei wie tote Blätter, gestohlen vom eiskalten Wind, der jedes Jahr ein bisschen früher kommt, ein bisschen später geht. »Komm zurück«, flüstere ich und meine die Sonne und meine dein Gesicht, deine Lippen. »Bitte, bitte«, flüstere ich.
Dein Schweigen ist lauter. Doch es ist nicht deine Schuld. Du hast jedes Recht, meinen Brustkorb aufzubrechen mit der Abwesenheit deiner Worte. Der Himmel wird jeden Tag dunkler. Ich öffne die Fenster nicht mehr, verschließe mich vor der Welt, bis du wieder ein Teil von meiner wirst. Bitte, bitte.

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Das größte Mutig

Die Karten werden neu gemischt. Dazu musst du mutig sein. Keine Angst vor Chaos. Keine Angst vor Überraschung. Oder es dennoch tun, trotz der Angst. Der allesumfassenden, irrationalen, immerwährenden Angst. Dann ist es das größte Mutig.
Die Karten werden neu gemischt, aber bevor du mutig sein kannst, brauchst du Karten. Brauchst du Auswahl, brauchst du Asse. Es gibt keinen Mut, wenn du nichts zu verlieren hast.

Leere

Du hast wieder mit dem Rauchen begonnen, als könnte man Löcher in Herzen mit Zigarettenrauch füllen. Provokant vertröstest du mich auf nach deine Raucherpause. Ich werde nichts dazu sagen, außer, dass wieder bessere Zeiten kommen werden. Wir hassen beide solche Phrasen, doch immerhin weiß ich bei dieser, dass sie stimmt.
Du trinkst wieder zu viel Wein, als könnte man Löcher in Herzen mit Alkohol füllen. Provokant schenkst du dir Wein ein, während ich auf Kaffee bestehe. Auch dazu werde ich nichts sagen, außer, dass wieder bessere Zeiten kommen werden.
Du versuchst sein Verhalten zu rechtfertigen, während ich sage: »Das hat keine Zukunft mehr.«
Du erzählst mir, was er alles gesagt hat. Ich sage nur: »Auch für ihn gilt: Show, don’t tell.«
Wir wissen beide, dass leere Worte mindestens so schlimm sind wie gar keine Worte. Doch am allerschlimmsten ist die Leere, die Menschen hinterlassen, wenn sie gehen.

Erzähl mir von einem Gefühl, von dem du niemandem erzählt hast.

Ich überlege mir genau, wann ich ein Gespräch anfange und wie. Nur um danach jedes Wort zu überdenken. (Jedes deiner Wörter und jedes meiner Wörter.) Du trinkst Cappuccino mit einem Stück Zucker, und trotzdem frage ich jedes Mal nach, um dir das Gefühl zu geben, dass ich es wahrscheinlich weiß, aber dass ich gleichzeitig solchen Kleinigkeiten keine zu große Bedeutung beimesse. Während du weißt, dass ich Tee bevorzuge, solange du keine Hafermilch hast. Ich achte auf den Abstand zwischen unseren Begegnungen, bemerke nicht nur deine Anwesenheit, sondern auch deine Abwesenheit.
Du erzählst mir ein Geheimnis, und ich trage es mit mir herum als wäre es ein Schatz. Während du viel größere Geheimnisse vor mir hast, von denen ich von anderen Menschen erfahre. Und dann zerbreche ich mir den Kopf, weshalb du das eine Geheimnis erzählst, aber das andere nicht. Wobei das Andere wichtiger wäre. Und entscheidender. Und verändernder. Ich erzähle dir Geheimnisse und auch sonst von allem zu viel. Ich suche nach deinem Blick, nur um ihm dann auszuweichen.

Kommst du mit?

Manche Diskussionen sollte man besser als ›Streit‹ bezeichnet. Wir weigern uns. Wir streiten nicht. Nie. Wir diskutieren. (Wir lügen auch nicht. Außer, es geht um Streit. (Also, um Diskussionen.))
»Das ist die schlechteste Idee, die du bisher hattest.« Er sieht aus, als würde er sich gleich die Haare raufen. Tut er natürlich nicht. Er funkelt mich böse an.
Ich zucke mit den Schultern. »Könnte vielleicht daran liegen, dass ich sonst immer sehr gute Ideen habe.«
Triumphierend sieht er mich an. »Dann gibst du also wenigstens zu, dass das hier keine gute Idee ist?«
»Doch, das ist es. Und das weißt du auch.« Wir führen diese Diskussion schon, seit wir von diesem Zwischenfall erfahren haben.
»Theoretisch gefällt mir deine Idee ja«, lenkt er ein. Wir wissen beide, dass jetzt ein ›Aber‹ kommen wird.
»Spar dir dein ›Aber‹«, sage ich, jedoch so leise, dass ich den Satz höre, den er zeitgleich sagt: »Aber das ist gefährlich.«
Ich nicke. »Deswegen ist es umso wichtiger.«
Er seufzt. Es klingt ein kleines bisschen wie Resignation. »Du gehst geradewegs ins Grab.«
»Kommst du mit?«

Vier Monate

Vier Monate verschwinden, und ich werde um mehrere Jahre zurückgeworfen, bin mehrere Meter kleiner, nur wegen blauen Lichtern und einer falschen Entscheidung, die sich zu oft wiederholte.
Vier Monate Erinnerungen, als könnte man die Erinnerungen eines ganzen Sommers, der irgendwie zu drei Sommern wurde, übermalen oder überspeichern.
Die Rückkehr der Risse kam unerwartet, unverhofft und unvorbereitet.
Und meine Reaktion ist absolut unverhältnismäßig.

Wiederholungen

Lebe in Wiederholungen, es kommt und geht in Wellen, und wir alle wissen, dass Wellen kein Ende haben. Doch vielleicht klappt es beim nächsten Mal, es wird immer mehr »nie«, und womöglich ist »nie« irgendwann länger als zwei Monate, länger als zwei Jahre, länger als irgendwas.

Konsequente Inkonsequenz

Dass du dünner geworden bist, ist das Erste, das mir auffällt. Doch ich sage nichts dazu, denn wir kommentieren nicht anderer Menschen Körper. Und vielleicht sollte ich auch einfach nur aufhören, dich immer noch als den Menschen zu sehen, der du vor zwei Jahren warst. Ich frage dich also, wie dein Urlaub war, und wir haben ein perfektes Gesprächsthema gefunden, bis dein Kaffee (schwarz) und mein Tee (auch schwarz) kommt. Du erzählst ruhig, aber positiv. Und selbst das, was schief ging, erzählst du mit einer Unaufgeregtheit, dass ich mit meinem Stuhl näher zu dir rutschen möchte. Was ich nicht tue. Ich bleibe konsequent mit meinem Abstand. Immerhin erzählst du den Urlaub in Wir-Form. Dass du inzwischen eine Freundin hast, weiß ich natürlich. Es tut sowieso nichts mehr zur Sache – versuche ich mir wenigstens einzureden. Es wird nicht leichter, wenn du so oft lachst. Deine Schneidezähne sind noch immer leicht gelblich, womöglich vom Kaffee, doch es stört mich nicht. Auch da bin ich konsequent. Es wird nicht leichter, als du mich verschwörerisch anstößt bei deiner Erzählung. Die Berührung erinnert mich an unsere erste Umarmung, damals im Bierzelt, als wir uns zufällig trafen und uns noch gar nicht gut kannten, aber wir mochten uns, das wusste ich.
Ich fasse mir ein Herz und frage dich, ob es dir gut geht. »Du siehst müde aus«, erkläre ich. Für einen kurzen Moment glaube ich, dass du mir mehr erzählen willst, meine Hand greift über den Tisch nach deiner Hand. In erster Linie bin ich konsequent in meiner Inkonsequenz.

Vielleicht wird es viel leichter

Vielleicht weht der Ostwind
nur noch in zu heißen Sommern,
vielleicht werden deine Gefühle
ja auch erwidert,
vielleicht drehen sich Gedanken
nicht immer nur im Kreis,
vielleicht hört dir jemand zu
während alle reden,
vielleicht kehrt die Helligkeit
bereits im Januar zurück,
vielleicht gibt es gar nichts,
was zu verzeihen wäre,
vielleicht wird die nächste Nacht
nicht schlaflos,
vielleicht wachst du auch
singend auf.