Gefühle verschlucken

Ich höre deine Stimme, und ich muss schlucken,
ich schlucke und schlucke,
die Worte hinunter, die hochkommen,
die sich seit einer Ewigkeit,
einem Sommer, einem Frühling, einem Winter
aufgestaut haben als wäre meine Kehle ein Staudamm.

Ich schlucke und schlucke
die Tränen hinunter, die hochkommen,
als hätte ich nicht eine Ewigkeit geweint,
einen Sommer, einen Frühling, einen Winter,
als galt es den Atlantik zu überfluten,
und ich wäre ein Gott, der es immerzu regnen lässt.

Ich schlucke und schlucke
die Gefühle hinunter, die hochkommen,
als wären sie keine Ewigkeit unerwünscht gewesen,
keinen Sommer, keinen Frühling, keinen Winter,
voller Taubheit, erzwungen, erkämpft,
weil kämpfen meine größte Stärke ist.

Ich höre deine Stimme, und ich muss schlucken,
ich schlucke und schlucke
und sie platzen aus mir heraus,
die Worte,
und sie laufen aus mir heraus,
die Tränen,
und sie bleiben für immer fort,
die Gefühle.
Weil kämpfen meine größte Stärke ist.

Unwichtig

Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Wie er das Lenkrad umklammerte, seine Knöchel traten weiß hervor, seine Adern sahen im seltsamen Licht, das nur in einem Auto herrschen konnte, so groß und bedrohlich aus. Wie Flüsse. Aber als Hügel.
Als hätte er ihren Blick bemerkt, nahm er die rechte Hand vom Lenkrad und drehte die Musik leiser.
»Sagst du mir jetzt, was lost ist?«, fragte sie zum vierzehnten Mal an diesem Abend.
Seine Augen waren stur auf die Straße gerichtet.
»Nichts«, sagte er, so knapp, dass es wie ein völlig fremder Laut klang, und machte damit nur noch klarer, dass sehr wohl etwas los ist.
Sie starrte ihn auffordernd an, doch er hatte den Blick stur nach vorn gerichtet. Auch sie sah wieder nach vorn, beobachtete die Rücklichter und Scheinwerfer der anderen Autos. Es waren nicht viele, um diese Uhrzeit waren die meisten Menschen zu Hause. Sie sah aus dem Seitenfenster, auf den Grünstreifen neben der Straße, weil sie immer darauf wartete, dass ein Fuchs oder ein Hase oder ein Reh oder irgendein anderes Tier plötzlich dort auftauchen würde. Sie hoffte darauf, sie sah viel zu selten solche Tiere, gleichzeitig fürchtete sie sich davor, wer wollte schon einen Unfall?
Ihre Gedanken wurden unterbrochen. Wie immer hatte er die Stille und ihr gezieltes Wegsehen gebraucht, um Worte zu formulieren.
Seine Worte waren eine Lüge. »Es ist unwichtig.«
Leider war es sehr, sehr wichtig. Doch dass sie das wusste, durfte sie ihm nicht sagen.

Geht so

Ich weiß noch immer nicht, was ich antworten soll, wenn du fragst »Wie geht’s?«
Ich will dir sagen, wie gut es mir geht, super, perfekt, ich will dir sagen, wie stark ich mich fühle, wie groß und wie unzerstörbar.
Aber ich will nicht, dass du glaubst, dass das alles leicht ist für mich.
Also will ich dir sagen, wie schlecht es mir ging, katastrophal, beschissen, ich will dir sagen, wie viele Tränen ich schon geweint habe, wie dunkel meine Gedanken waren, wie dunkel ich war.
Aber ich will nicht verzweifelt klingen, denn ich bin nicht verzweifelt, schon lange nicht mehr.
Also antworte ich mit »Geht so« und hoffe, du verstehst schon, was ich meine.
[Nämlich, dass ich alles nochmal genau so machen würde, aber (insgeheim) auf ein anderes Ergebnis hoffe, und wenn das Ergebnis das Gleiche ist, dann bin ich wenigstens stark, groß und unzerstörbar.]

Sechsunddreißig Nächte

Wieder ein Schrei, und ich wecke mich selbst damit, und ich wecke sie damit. Ich sitze im Bett, völlig orientierungslos, wie jede Nacht seit sechsunddreißig Nächten, mittlerweile sollte ich die Orientierung schneller finden, das Licht des Mondes durch den Spalt im Rollladen, die roten Ziffern ihres Weckers, davor das Weiß ihrer Augen, weit offen. Ich frage mich, wann sie die Geduld verlieren wird mit mir. Jede Nacht seit sechsunddreißig Nächten wecke ich sie auf. Mit einem hässlichen Schrei von einem hässlichen Traum, den ich loswerden möchte und an den ich mich dennoch festklammere. Sie nimmt mich in den Arm und ich klammere mich an sie fest, sie hält mich fest, aber nicht so fest wie du, aber nicht wie du, ihre Arme nicht so warm, nicht so stark, nicht so wie deine.
Ich wünschte, ich könnte noch weinen, doch nach sechsunddreißig Nächten sind keine Tränen mehr übrig, also nur zittern und schluchzen und ihr »Es wird alles wieder gut«, dabei brauche ich kein ›gut‹, ich brauche nur das Gegenteil von diesem beschissenen Gefühl im Hier und Jetzt, oder um ehrlich zu sein, ich brauche nur dich. Sie weiß das, sie bleibt immer noch geduldig, obwohl ich weiß, wie anstrengend es ist mit mir, insbesondere für sie, sie teilt ihre Wohnung mit mir, seit sechsunddreißig Nächten, ihr Essen, ihr Bett, ihre Geduld, ihre Freundschaft.
Ich atme tief durch, das ist ihr Zeichen, sich wieder umdrehen zu können, weiterschlafen zu können, während ich noch einige Stunden wachliegen werde, ihr beim Schlafen zuhören, meinen eigenen Gedanken zuhören, darauf hoffen, dass ich deine Stimme höre. Davor sage ich etwas, der erste klare Satz seit sechsunddreißig Nächten: »Man sollte darauf vorbereitet sein, wie Menschen zurückkommen, aber nur im Traum.«

Sommersprossensommer

Die Sonne war wohlwollend, der ganze Morgen unaufgeregt. Bienen summen, oder Wespen. Zu Blüten und zum Nektar und zu saurem Johannisbeerkuchen. Der Himmel so hellblau, dass es fast wehtut. Nicht in den Augen, aber im Herzen. Die Augen zusammengekniffen, gegen das Sonnenlicht, alternativ dazu legt sich jemand die Hand an die Stirn.
Des Geräusch von barfuß auf Stein. Von der alten Dame, die Hecke schneidet, cccch-klipp, und einen Guten Morgen wünscht als wäre jeder Morgen gut, aber dieser ganz besonders.
Irgendwo knirscht Kies unter Schuhen, knirscht Kies unter Fahrradreifen, ein Geräusch im Hintergrund, so leise, dass man nicht weiß, ob es ein Rasenmäher ist oder ein Traktor.
Die Sommersprossen werden nicht größer, aber immer mehr, sie riechen nach Sonnencreme, und die Luft riecht nach Heu oder Blumenwiese oder beidem zusammen.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, aber vier oder zehn oder dreiunddreißig.
Warmer Asphalt, im Wind trotzdem Gänsehaut, doch das ist keine Kälte, das ist wie Vorfreude. Auf noch mehr Sommer und noch mehr Sommersprossen.

Schlechte Entscheidungen

Ich höre dieselbe Melodie wie letzten Sommer.
Letzten Sommer, der Sommer, als ich mich vor all den schlechten Entscheidungen verbeugt habe.
Dieselbe Melodie, dieselbe Wohnung, dieselbe Aussicht, dieselbe Sonne, dieselbe Hitze, dasselbe Herz.
Nur ich, ich bin nicht mehr dieselbe.
Denn ich, ich bin sieben Meter größer jetzt, mindestens,
und drei Katastrophen stärker, wenn nicht noch stärker.
Nur vor den schlechten Entscheidungen verbeuge ich mich noch immer genauso tief.
Denn Fehler sind dazu da, gemacht zu werden. Und um daraus zu lernen.

Anlauf nehmen

Ich sage »Stillstand ist Rückschritt«,
du sagst »Wenn ich zurückgehe, nehm ich nur Anlauf«,
also rennst du los, zurück, nach vorn, auf & ab, es ist egal, ich kenne nur davonrennen, aber nicht losrennen, nicht einmal hinterherrennen, ich hinke hinterher und stelle mir selbst ein Bein oder beide Beine oder stehe mir selbst im Weg, während du schon lange abhebst.
Ich sage »Je höher du fliegst, desto tiefer der Fall«,
du sagst »Lieber fallen als gar nicht fliegen.«
Also warte ich auf deinen Aufprall, doch ich sehe ihn nicht und ich höre ihn nicht, denn davor flog ich selbst.
Auf die Schnauze.

July

Blood, sweat and tears,
still I don’t dive under,
struggling with my fear
of seawater & thunder.

Cotton clouds pile up
heavy & darker & darker
still running barefoot
swiftly & faster & faster.

Sounds like the earth’s shaking
blood, sweat and tears dripping,
it’s all about chances taking
and fears gripping.

Scheitern

Ist es scheitern, wenn ich bei jedem Liebeslied an dich denke?
Aber nicht mehr bei jedem weine?
Ist es scheitern, wenn ich immer noch deine alten Nachrichten lese?
Aber keine neuen Antworten mehr formuliere?
Ist es scheitern, wenn ich deine Nummer jeden Tag entblockiere?
Aber sie jeden Abend doch wieder blockiere?
Ist es scheitern, wenn ich mich jede Minute nach dir sehne?
Aber nicht mehr bei jeder Berührung an dich denke?
Ist es scheitern, wenn ich noch immer nicht glücklich bin ohne dich?
Aber weiß, dass ich es auch mit dir nicht wäre?