4 Meter größer

Ich bin weiter jetzt. Und 4 Meter größer.
Ich zähle jetzt nicht mehr die Nächte, Tage, Stunden, plane nicht mehr minutiös jeden Schritt, kann einfach dasitzen und das Gedankenkarussell drehen lassen, und wenn mir schwindlig wird, lass ich es weiter drehen, und wenn mir schlecht wird, dann ramme ich die Beine in den Boden. (Soll heißen: Besteige einen Berg, lese ein Buch oder sortiere die schwindligen Gedanken mit einem Bleistift zu Worten.)
Ich vertraue jetzt meinem Körper, weil er mir sagt, was er braucht, weil er mich nach Luft schnappen lässt, wenn ich mal wieder das Atmen vergesse vor lauter Denken. Weil er mir sagt, dass ich mehr essen muss, weil egal wieviel ich esse, es ist scheinbar nie genug. Weil er viel mehr aushält als ich immer denke, weil meine Beine mich über ganze Bergketten tragen, weil meine Beine an einem Tag das gehen, was andere Beine in zwei Tagen gehen. Weil meine Knie manchmal zittern in den ungünstigsten Momenten, aber das ist wohl die Notbremse, und meine Stimme zittert auch in den ungünstigsten Momenten, aber das ist wohl auch die Notbremse. Zumindest habe ich eine Notbremse.
Ich bin noch immer nicht nah am Wasser gebaut, ich bin mitten im Wasser gebaut, aber das ist okay so. Nein, das ist sogar gut so, denn solange ich fühle, lebe ich. Auch wenn mich meine Emotionen überrennen, zumindest rennen sie. Zumindest sind sie da. Ein Herz, das schmerzt, ist ein Herz, das funktioniert.
Ich stehe auch nicht mehr wartend vor Geisterhäusern, ich betrete sie einfach und verlasse sie wieder. Ich spreche mit Geistern, sehe ihnen ins Gesicht, auch wenn sie mir ins Gesicht lügen. Ganz ohne Gläserrücken, ganz ohne Kartenlegen. Ich denke mir »no hard feelings«, aber was ich eigentlich meine ist: »no fucking feelings at all.«

nicht vorstellbar

All die Dinge gelernt über Saturn, nur die Zahlen sind vergessen. Durchmesser, Entfernung, Rotation, Windgeschwindigkeiten, es ist sowieso alles nicht vorstellbar.
Prometheus und Pandora sind Monde und Schäferhunde für einen Ring, es wirkt absurd und nicht greifbar und nicht vorstellbar. Noch mehr gelernt über Ringe und Monde, nebenbei gelehrt über griechische Mythologie. Japetus, der two face moon, Titan der Größte, dabei gibt es Jupiter und Ganymed, aber danach, es kommt nur auf die Welt an oder auf den Planeten oder auf das Sonnensystem. Es ist nicht vorstellbar.
Wega gefunden und das Sommerdreieck, das auch im Winter zu sehen ist, Deneb und ein nicht erkennbarer Schwan, und Kassiopeia – dabei sofort an die Schildkröte gedacht. Taschenlampenlicht zum Zeigen, Stärke und Entfernungen und Lichtgeschwindigkeiten, es ist alles nicht vorstellbar.
Durch das Teleskop gesehen, die Ringe wie auf einer schlechten Zeichnung. Überzeugende Überraschung. Echte Faszination.
Als die Sternschnuppe flog, die vielleicht nur verglühender Schrott war, wusste ich sofort, was ich mir wünsche. Es ist nicht vorstellbar.

Vorstellungsrunden

Der neue Lehrer will, dass wir uns vorstellen, und allein beim Gedanken daran wird mir schlecht. Obwohl ich schon lange aufs Frühstück verzichte. Für jemanden, der eine Million Gedanken durch den Kopf gehen zu jeder Zeit, könnte man meinen, einer würde mal nicht an der Zunge hängen bleiben. Man könnte meinen, mit neunzehn Jahren wäre man mal vorbereitet auf Vorstellungsrunden. Ich möchte nicht den Anfang machen, doch alle, die sich vor mir vorstellen, stehlen mir die Worte. Sie beanspruchen all die guten Eigenschaften für sich, und ich will nicht klingen wie eine kaputte Schallplatte, wie ein Mensch ohne eigene Ideen und Gedanken, dabei bestehe ich doch nur aus Gedanken. Aber was sage ich denn jetzt? Dass ich ein Puzzle bin aus Teilen, die nicht zusammenpassen und trotzdem ein großes, kompliziertes Ganzes formen? Dass ich meine Persönlichkeit nicht in Worte fassen kann, denn dort, wo mein Selbstbewusstsein sein sollte, ist nur ein schwarzer Abgrund? Dass ich schon wieder meine Lippen zerkaue und jetzt blute ich Verletzlichkeit? Und dann bin ich mir selbst fremder als es die dreißig Augenpaare sind, die mich anstarren.

Heimweh

Ich vermisse die Vertrautheit, ich vermisse mein Zuhause, die Freiheit, die frische Luft, die Helligkeit, die Schwalben, die Katze, die Selbstverständlichkeit des Zurechtfindens, den unendlichen Himmel über dem Giebel und über dem Dachfenster, den Regen auf dem Dachfenster, das Geräusch von barfuß auf Holzboden, von barfuß auf der Terrasse, ich vermisse es, die Clematis zu verranken, was keine 5 Minuten hält, und dreimal am Tag den Reißverschluss für die Tomaten zu öffnen und wieder zu schließen. Ich vermisse die Kuhglocken und die Ziegen, den Sprint bergab nach dem Joggen, die blutig gekratzten Knie, die Schokoladenflecken auf dem Sofa, den Schokoladenvorrat und den Keksvorrat, für den man sich schämen müsste, für den sich aber niemand schämt. Ich vermisse die schmale Treppe, die das halbe Jahr auf die Weihnachtsgirlande wartet und das halbe Jahr die Weihnachtsgirlande trägt, die viel zu niedrigen Dachschrägen, wie klein alles ist und trotzdem so viel größer, die Geräusche, die Frederik zugeschrieben werden, obwohl Frederik nur im Winter in den Wänden und im Dachboden wohnt.
Ich vermisse alles, und am meisten vermisse ich dich, und am allermeisten vermisse ich mich.

wenn man an nichts mehr glaubt

Mir gehen die Dinge aus, die ich sagen kann.
Manches ist nur nachts erklärbar.
Manches ist nicht erklärbar.
Manches ist nicht zerstörbar.
Bis es das doch ist.
Und dann kommt Gott. Oder das Schicksal.
Oder die Kraft, an die man glaubt, wenn man an nichts mehr glaubt.

Mir gehen die Worte aus für dich.
Ich bin ein Wörterbuch
mit leeren Seiten.
Nenne mich Duden
und beobachte mich beim Stottern.
Beim Stammeln und auf der Suche nach den richtigen Worten,
die doch nie reichen, weil manche Dinge zu groß sind für Sprache.

Mir geht der Platz aus.
In meinem Brustkorb,
zwischen meinen Rippen,
in meinem Herz.
Ich fühle mich leer,
doch bin gefüllt mit allem, was ich nicht sagen kann,
Büchse der Pandora, zuletzt kommt die Liebe.

Vermissen

»Das Vermissen ist ein körperlicher Schmerz. Irgendetwas zerquetscht meinen gesamten Brustkorb.«
Du nickst wissend. »Als säße ein ganzer Walfisch auf deiner Brust.«
»Mindestens drei«, korrigiere ich. Und atme so tief ein als hätte mir minutenlang etwas die Luft abgeschnürt. Das ist im Moment der Normalzustand. Keine Luft bekommen. So tief einatmen, dass sich die Menschen um mich herum Sorgen machen, dass ich ersticke. Dass ich mir Sorgen mache, dass ich ersticke. Weiter keine Luft bekommen. Vermissen.
»Solange dein Herz noch darin ist, kann nichts deinen Brustkorb zerquetschen«, sagst du. Du fasst nach meiner Hand, doch wir wissen beide, dass ich nur die Hand von einer bestimmten Person halten möchte.
»Ich weiß nicht, ob da noch was übrig ist von einem Herz.«
Du schaust mich unangenehm lange an. Ich atme tief ein. Du schaust mich weiter an, und deine Lippen werden zu einem Lächeln, das irgendwas ist zwischen Mitleid und Zuversicht, Mitgefühl und Hoffnung. Und absolute Überzeugung. »Natürlich. Das größte Herz überhaupt.«

Midas

Ich bin wie Midas, nur verkehrt. Alles, was ich anfasse, zerfällt zu Staub.
Zerfällt du Asche. Zerfällt zu Blut und Knochen und Tränen.
Baue am liebsten Kartenhäuser, doch schaffe es nicht, Brücken niederzubrennen.
Verbrenne mich lieber an Sonnen, fliege zu hoch und stürze wie Ikarus.
Schlangenhaupt wie Medusa, ihr solltet mich fürchten, ein falscher Blick genügt.
Verwandle alles in Stein, schau nicht in den Spiegel, niemals. Niemals.
Wer ist das Opfer? Wer ist der Täter?

[01:39]

01:39 hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Jahre überfällig.
Macht die Tat selbst noch einen solchen Unterschied nach all den Gedanken und Worten?
Meine Haare riechen immer noch nach dir. Du zuckst zusammen. Katzen. Was ich ohne Studium gelernt habe. Oder von der Straße. Der Geruch von Olivenöl.
Die verzweifelte Suche nach der Grundvoraussetzung. Meine völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Suchergebnis.
Warte auf irgendeine Emotion. Stehe mindestens 7.000 km neben mir.
Die Beichte beinhaltet die Worte: »Ich könnte mir eine zweite Identität zulegen und würde es nicht mal kapieren.«
In dem Satz ist keine Lüge.
Ob du wohl das willst, von dem manche glauben, dass es womöglich schon der Fall sei?
Möchte so viele Fragen beantwortet haben, aber schaffe es nicht, auch nur eine davon zu stellen.
»Never« sind 48 Tage.

Rätsel

Beinahe hätte ich gesagt, wie schön du bist, doch ich beiße mir auf die Lippen, damit kein Ton herauskommen kann. Stattdessen schreibe ich Wörter mit dreifachen Buchstaben, um meine Überforderung zu zeigen. Wir wirbeln Staub auf und alte Erinnerungen, schlechte Momente, die sich im Nachhinein noch besser anfühlen als damals. Wir planen in die Zukunft, nicht weit, weil niemand weiß, wohin das führen wird, wohin das überhaupt führen kann (außer: in die falsche Richtung).
Ich habe gesagt, dass ich dich hasse, direkt nachdem du das getan hast, was ich wollte, dass du tust. Inzwischen sage ich nur noch selten, was ich wirklich meine. Was ich wirklich meine, verschweige ich. Ich zensiere mich selbst.
Ich bin leicht zu durchschauen, dachte ich. Heute durchschaue ich mich nicht einmal mehr selbst. Und ganz besonders nicht dich.
Denn du bist das Rätsel, das ich nicht lösen kann.

fertig mit mir

Werfe Rosen in den Abgrund,
die Schwalben kehren nicht mehr zurück,
tauche hinab bis zum Meeresgrund,
habe schon ganz andere Monster bekämpft,
Endstand: unentschieden,
aber noch weiter am Zählen.

Schließe die Fenster als wäre es für immer,
der nächste Weltuntergang wartet schon.
Die Panik sitzt in meiner Kehle,
lässt sich nicht mehr verschlucken,
renne schneller als Achilles,
doch die Niederlage ist unabwendbar.

Ich sage, ich bin fertig mit dir,
aber in Wirklichkeit bin ich fertig mit mir.