Vorstellungsrunde

Ich heiße glücklich, doch ob ich es bin, werde ich niemals verraten.
Ich lebe in dem Wort »Zweifel«, als wäre es eine Adresse.
Ich bin alt genug, um zu wissen, dass Wissen keine Frage des Alters ist.
Ich arbeite an meiner Stärke, der Inneren und der Äußeren.
Ich bin groß genug, um dich »Kleiner« nennen zu können.
Ich spreche Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch und in Rätseln.
Ich erklimme Berge, und eure Berge sind meine Maulwurfshügel.

Monster

Ich dachte immer,
dass ich all das
niemals tun könnte,

Herzen zerstören,
Herzen brechen,
meines & deines
& noch viele mehr,

ich dachte immer,
manche Dinge sind zu schwer,
um sie tragen zu können,
um sie ertragen zu können,

und dann stellt sich heraus,
dass ich sehr gut das kann,
von dem ich dachte,
ich könnte es nicht.

Bin ich ein Monster
oder ist es das,
was es bedeutet,
ein Mensch zu sein?

Un-Wörter


»Warum fragst du mich das überhaupt?« Er lächelte, was ein Zeichen sein sollte, dass er nicht genervt war, sondern neugierig. Seine Wangen waren gerötet vom Wind. Er sah kindlich auch, doch er sprach wie der Erwachsene, der er schließlich war. »Du weißt das besser als ich.«
Sie zuckte hilflos mit den Schultern. »Mein zweiter Vorname ist Unsicherheit.«
»Ich dachte, dein zweiter Vorname wäre Ungeduld?«
Ein bisschen freute sie sich, dass er sich das gemerkt hatte. Ihre Ungeduld war kein Geheimnis, im Gegenteil, sie war so offensichtlich, dass sie sich manchmal wunderte, warum man sie immer noch mit »du weißt schon, die Große« beschrieb und nicht mit »du weißt schon, die Ungeduldige«.
Sie versuchte, die Haare aus ihrem Gesicht zu streichen, was hoffnungslos war bei diesem Wind, und sie versuchte sich in einem Lächeln, was mindestens ebenso hoffnungslos war. »Vielleicht versammele ich all die Un-Wörter in mir: unsicher, ungeduldig, unglücklich, unnahbar, unzuverlässig, …«
Er schüttelte den Kopf. Ihn konnte sie nicht täuschen mit ihrem Lächeln, das schon immer mehr ein Zeichen von versteckter Traurigkeit als von Fröhlichkeit war.
»Du hast ›unglaublich‹ vergessen«, sagte er und legte ihr den Arm um die Schulter mit einem Lächeln, das ein Zeichen von Zuneigung war. »Unzerstörbar. Unnachgiebig. Unerschrocken.«

Kopf vs. Realität

Ich weiß nicht, wie oft wir diese Unterhaltung schon geführt haben. Also, in meinem Kopf.
Jetzt führen wir sie endlich in der Realität, doch du sagst immer nur die falschen Dinge. Du gibst die falschen Antworten.
Im Kopf konnte ich dir all die Vorwürfe machen, die schon seit Monaten in mir brodeln. Ich konnte dich hassen.
In der Realität tust du mir leid.
Im Kopf warst du arrogant. Selbstsicher.
In der Realität bist du ein Häufchen Elend.
Du entschuldigst dich immer & immer wieder, zählst auf, was du falsch gemacht hast. (Ich wollte das aufzählen.) Und am Schlimmsten: Du stellst Fragen, als würde dich mein Leben interessieren, als würdest du wieder ein Teil dieses Lebens sein wollen, aus dem du dich selbst herauskatapultiert hast.
Im Kopf beendete ich das Gespräch mit einer Ohrfeige.
In der Realität beendete ich es mit einem »Auf Wiedersehen«.

October

The beginning of the end
is the beginning of fall,
we cannot try to mend
what isn’t broken at all.

I’ve always been a knight,
always ready to fight
this time without light
when starlings took flight.

Flee from fading & fate,
flee from freezing & wind,
but I refuse to be afraid
of what the darkness brings.

Märchen, in dem ich die Böse Hexe bin und gleichzeitig die Prinzessin, die Gerettet Werden Muss

Es wirkt wie Magie, Blutmagie, ein bisschen Schweiß, ein bisschen Blut, ein bisschen Tränen, und schon wird aus der Prinzessin, die gerettet werden muss, die böse Hexe, aus deren Fängen die Prinzessin gerettet werden muss. Die Prinzessin rettet sich dieses Mal selbst, denn der Prinz ist der böse Magier, der mit ein bisschen Schweiß, aber deutlich weniger Blut und deutlich weniger Tränen, eine Prinzessin erfand, die gleichzeitig Hexe wurde. Die Hexe brennt dieses Mal nicht auf dem Scheiterhaufen, stattdessen wird ein Magier verbrannt, der sich als Prinz ausgab, der sich selbst noch immer als Prinz sieht, der vielleicht nicht einmal ein Magier ist, denn vielleicht war in der Prinzessin schon immer eine Hexe und anders herum, vielleicht ist der Prinz/Magier ein Betrüger. Vielleicht ist die Prinzessin/Hexe eine Betrügerin. Vielleicht betrogen sie sich selbst und gegenseitig. Vielleicht gibt es tatsächlich einen Zaubertrank mit genug Blut und Schweiß und Tränen, vielleicht wird dieses Mal alles durcheinandergebracht und es weiß sowieso keiner, wer hier der Gute ist und wer die Böse oder anders herum, oder vielleicht sind wir alles zusammen und betrügen uns selbst.

Ich spreche in Rätseln

»Was machst du gerade?«
Eine so banale Frage, die gleichzeitig so viel bedeutet. Bedeuten kann. Wenn man sich länger kennen würde als seit 2 Stunden. Aber ich möchte dieser App eine Chance geben. Also tippe ich wahrheitsgemäß: »Ich schau den Sonnenuntergang an.« Ich überlege noch, ob ich diese obligatorische Gegenfrage ›Und du?‹ stellen soll, aber davor erscheint schon die Antwort.
»Warum das? Bist du romantisch ;)?«
Weil ich nicht geschaffen bin für solche Unterhaltungen, schreibe ich: »First the colours, then the humans«
Die Antwort kommt in Sekunden: »???«
Ich seufze. Und weiße mich schnell selbst zurecht. Natürlich kann ich nicht erwarten, dass irgendjemand meine Zitate versteht. So toll das auch wäre. »Ist ein Zitat«, antworte ich also. »Aus ›Die Bücherdiebin‹. Weil der Tod immer auf die Farben des Himmels achtet, bevor er auf die Menschen achtet. Sympathischer Kerl :D«
Der Smiley ist fehl am Platz, aber irgendwie wirkt diese Unterhaltung so dumm, dass ich versuchen will, sie zu verbessern. Oder mich sympathischer zu machen. Völliger Quatsch.
Mein Handybildschirm blinkt auf. »Der Tod?«
»Der Erzähler in der Bücherdiebin.«
»Sorry, kann dir nicht ganz folgen ;)«
Ich überlege kurz, ob ich diese App gleich wieder deinstallieren soll. So ein Zitat kann man doch googeln. Und den Buchtitel auch. Dann erinnere ich mich an die Worte meiner Freundin, die mich gestern Abend (mit ein bisschen zu viel Bier im Spiel) dazu überredet hat, diese App herunterzuladen. »Sei halt nicht gleich am Anfang ein Nerd.« Wir hatten beide gelacht, denn wir wussten, dass ich nur als Nerd ich selbst war.
Wenn sie jetzt hier wäre, hätte sie mir schon längst mein Handy aus der Hand gerissen und selbst geantwortet. Doch so funktioniert das nicht, das weiß ich. Also versuche ich mich zu erklären, obwohl ich weiß, dass es Zeitverschwendung ist. »Sorry, ich spreche den halben Tag in Zitaten und die restliche Zeit in Rätseln.«
Es kommt lange Zeit keine Antwort. Dann: »Also immer in Rätseln.«
Ich kann nicht widersprechen.

¿Viva La Gloria?

Erinnerst du dich an das kleine Mädchen, das stundenlang vor dem Fenster gesessen hat, um den Sonnenuntergang zu beobachten?
Sie wusste nicht, weshalb sie weinte. Vielleicht, weil sie damals schon eine rastlose Seele hatte, rastlos und fragend, fragend, fragend, nach einem Zuhause, das sie damals schon in Menschen suchte. Vielleicht, weil damals schon ihr Herz starb. Ihr Herz, das log, denn nur ihre blutunterlaufenen Augen sagten die Wahrheit. Verräter.

Und jetzt ist da eine Frau, die stundenlang vor dem Fenster sitzt, um den Sonnenuntergang zu beobachten.
Inzwischen denkt sie dabei an einen Erzähler, ein Ergebnis. Sie ist größer jetzt, größer als all die Väter, die taktvoll versuchten, ihre Tränen zu ignorieren. Sie ist stärker jetzt, stärker als so mancher Soldat, auch wenn das nicht so schwer zu sein scheint.
Ihr Herz ist noch da, und die Wahrheit sagt sie noch immer. Ihre Augen sind noch immer dieselben Verräter.

Und manchmal denkt sie zurück an das kleine Mädchen, das nicht wusste, warum es weinte.
Sie weiß es jetzt.

Schlaflos

All die schlaflosen Sommernächte. Schlaflos wegen der Hitze, die einfach nicht gehen will, und wegen dir, erst zu weit weg, bis das Vermissen unerträglich wird, und dann irgendwann endlich neben mir, zu nah, zu weit weg trotz allem, dein Herzschlag neben meinem, über meinem. Klebrig und warm und stolpernd. Wie soll man so schlafen können? Und die Realität ist fühlt sich unwirklicher an als jeder Traum.

unbenannt

Die Worte sind dieselben, nur der Name ist anders. Es sind immer die schlechten Dinge, die hängen bleiben. Die schlechten Worte. Die schlechten Namen. Unsere Mütter haben uns davor gewarnt. Es sind dieselben Menschen, die das Gegenteil behaupten. Doch die guten Dinge bleiben nicht hängen. Die guten Worte sinken nicht bis ganz hinunter. Die guten Namen werden zu schlechten Namen, wenn man sie oft genug ausspricht und wenn man sie oft genug hört. Erinnerungen sind doch auch nur eine Möglichkeit, sich langsam selbst zu zerstören. Wiederaufbereitung von sogenannten Freundschaften, von falsch und zu laut. Die schlechten Worte werden am lautesten gesagt. Vielleicht ist das mein Fehler. Ich bringe nur ein Flüstern zustande. Der Rest bleibt mir in der Kehle stecken. Manche Namen bleiben besser unausgesprochen. Manche Dinge bleiben lieber unbenannt.